Predigt vom Regio-Gottesdienst 21. März 2021

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Predigt Regio Gottesdienst vom 21. März 2021
Knut Deckner, Pfarrer KG Kallnach - Niederried

Es gilt das gesprochene Wort
Friede sei mit uns und die Gegenwart unseres menschgewordenen Gottes!


Einer der Stars meiner Kinder ist gerade der deutsche Astronaut Alexander Gerst, er war Kommandant auf der internationalen Raumstation ISS. Sein Spitzname ist «Astro Alex».
Das Besondere an ihm ist, dass er sich sehr dezidiert für den Erhalt der Schöpfung und den Klimaschutz einsetzt. Er sagt: «Aus dem All sieht man, dass die Atmosphäre, die unsere Erde schützt, nur eine dünne verletzliche Schicht ist.»

Eine Predigt in einem «Brot für alle» Gottesdienst steht immer in der Gefahr, den Zeigefinger zu sehr zu erheben und die Zuhörerinnen in eine depressive Stimmung zu sprechen. Und wenn dann alle nach Hause gehen, haben sie zu nichts mehr Lust, schon gar nicht auf einen Wandel.
Ich bemühe mich, dass es heute nicht so wird.
Vielleicht geht es in unserer Situation darum, gelassen und fröhlich zu bleiben und gerade deshalb trotzig und mutig zu handeln.
Ich habe deshalb einen Predigt-Text gewählt, der vielleicht überrascht, aus der Bergpredigt (Matthäus 6)
Seht euch die Vögel an! Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln keine Vorräte – aber euer Vater im Himmel sorgt für sie. Und ihr seid ihm doch viel mehr wert als Vögel! 27 Wer von euch kann durch Sorgen sein Leben auch nur um einen Tag verlängern? 28 Und warum macht ihr euch Sorgen um das, was ihr anziehen sollt? Seht, wie die Blumen auf den Feldern wachsen! Sie arbeiten nicht und machen sich keine Kleider, 29 doch ich sage euch: Nicht einmal Salomo bei all seinem Reichtum war so prächtig gekleidet wie irgendeine von ihnen. 30 Wenn Gott sogar die Feldblumen so ausstattet, die heute blühen und morgen verbrannt werden, wird er sich dann nicht erst recht um euch kümmern? Habt ihr so wenig Vertrauen? 31 Also macht euch keine Sorgen! Fragt nicht: ›Was sollen wir essen?‹ ›Was sollen wir trinken?‹ ›Was sollen wir anziehen?

Ich traue meist dem, was ich sehe, auch wenn die anderen Sinne für die Wahrnehmung und unser Leben genauso wichtig sind.
In der Bibel ist «sehen» immer auch mit verstehen und erkennen oder andersrum mit nicht verstehen verbunden.
Gott sah, dass es gut war.
Im Englischen heisst «I see» auch «ich verstehe».
Was also sehen – verstehen wir.
Wie schauen wir die Natur und unsere Mitmenschen an, von oben herab? Auf Augenhöhe? Als Mitgeschöpfe?
Im Lesungstext heisst es: «Wählt das Leben?»
Was heisst das, für unser Leben auf der Erde, für unser Klima?
Dass sich unser Klima verändert, ist unstrittig, kein seriöser Forscher bestreitet das mehr.
Alle, die in der Landwirtschaft tätig sind, können bestätigen, dass in den letzten 20 Jahren der Regen weniger geworden ist, die Sommer heisser.
Noch ein paar grobe Zahlen: die alten G 7 Staaten verbrauchen 40 % aller Ressourcen der Erde, China will sich diesem Lebensstandard anpassen und wird in ein paar Jahren ebenfalls 40 % verbrauchen, Indien ist auch auf dem Weg dahin.
3-mal 40 %, und schon wird es auch für Leute, die nicht zu gut in Math waren, so ein bisschen eng.
Die aufmerksamen Zuhörer haben sicher festgestellt, dass in dieser Rechnung die Schweiz nicht dabei war, Afrika auch nicht, kurz und gut: so kann es nicht weitergehen.

Ich stelle mir vor, dass es auch Frühling war, als Jesus die Worte von den Lilien auf dem Felde und den Vögeln am Himmel sagte.
Seht euch an, was uns das über das Leben lehrt über die Leichtigkeit und über das Leben als Geschenk des Himmels.
Leben ist nicht nur Lohn nach harter Arbeit, sondern auch Segen, Verheissung und Geschenk.
Und ganz nebenbei es ist auch ein Geschenk, in diesem Teil der Welt, in Mitteleuropa geboren zu sein.

Wenn die Pandemie einmal vorbei sein wird, und das wird sie!
Dann höre ich schon die wirtschaftsfreundlichen Politikerinnen und Politiker, dass wir «jetzt nicht auch noch Geld fürs Klima haben»
Dabei hat gerade die Pandemie gezeigt, was möglich ist, wenn man will und wenn man muss.
Und Achtung, jetzt wird es nicht nur politisch, sondern auch systemkritisch:
Es ist genug Geld vorhanden, sonst wäre es nicht so billig.
In der Marktwirtschaft ist immer das billig, von dem es genug oder zu viel gibt.
Deshalb gibt es zurzeit auch fast keine Zinsen. Mit dem Geld ist es wie mit den Ressourcen, sie sind schlecht verteilt.
Für mich ist das Klima auch sytemrelevant!
Nein, ich habe keine Patentrezepte.
Ein paar Gedanken vielleicht: Fairer Handel. Im «reformiert» konnte man lesen, das allein genügt nicht, auch beim fairen Handel muss immer wieder überprüft und im Fall nachgebessert werden, damit man das Ziel erreicht.
Regionale und saisonal Produkte.
Strom aus Solarzellen. Wie würde unsere Energieversorgung aussehen, wenn auf jedem Dach im Dorf Solarzellen wären? Dann wären sie sicher auch billiger und rentabler.
Als wir vor zwei Jahren in Bayern in den Ferien waren, habe ich etwas Spannendes gesehen. Bayern ist politisch eher sehr konservativ als links, aber auf vielen Dächern und auf fast jedem einzelnen Stall sind dort Solarzellen. Warum? Weil es sich lohnt.

Die Lilien auf dem Feld und die Vögel am Himmel.
Leben ist so viel mehr als Kosten und Nutzen.
Und doch taugen Jesu Worte nicht für eine romantische Verklärung des Lebens.
Der Rabbi aus Galiläa ruft dazu auf, die Geschöpfe wahrzunehmen, zu sehen. Hinzusehen, wie wir mit der Schöpfung, mit anderen Menschen umgehen.
Darum seht hin, seht genau hin und versteht.
Natürlich hilft Wissen und Verstehen allein nicht, es braucht auch das Handeln.
Das Handeln und vielleicht auch das sich nicht einnehmen lassen von der Düsternis all dessen, was schon falsch gelaufen ist und noch falsch läuft.
Um gelassen und fröhlich zu bleiben, aber trotzig und mutig zu handeln

Ich schliesse mit einem Gleichnis. Kein Gleichnis aus der Bibel, aber die Gleichnisse Jesu waren ja auch immer sehr gute Geschichten mit einem «aha Effekt» und mit einer Pointe, bei der einem manchmal das Lachen im Hals stecken bleibt.

Heinrich Böll hat sie einmal am Tag der Arbeit im Radio erzählt:
In einem Hafen an einer westlichen Küste Europas liegt ein ärmlich gekleideter Mann in seinem Fischerboot und döst. Ein schick angezogener Tourist legt eben einen neuen Farbfilm in seinen Fotoapparat, um das idyllische Bild zu fotografieren: blauer Himmel, grüne See mit friedlichen, schneeweißen Wellenkämmen, schwarzes Boot, rote Fischermütze. Klick. Noch einmal: klick, und da aller guten Dinge drei sind und sicher sicher ist, ein drittes Mal: klick. Das spröde, fast feindselige Geräusch weckt den dösenden Fischer, der sich schläfrig aufrichtet, schläfrig nachseiner Zigarettenschachtel angelt. Aber bevor er das Gesuchte gefunden, hat ihm der eifrige Tourist schon eine Schachtel vor die Nase gehalten, ihm die Zigarette nicht gerade in den Mundgesteckt, aber in die Hand gelegt, und ein viertes Klick, das des Feuerzeuges, schließt die eilfertige Höflichkeit ab. Durch jenes kaum messbare, nie nachweisbare zu viel an flinker Höflichkeit ist eine gereizte Verlegenheit entstanden, die der Tourist - der Landessprache mächtig - durch ein Gespräch zu überbrücken versucht. "Sie werden heute einen guten Fang machen." Kopfschütteln des Fischers. "Aber man hat mir gesagt, dass das Wetter günstig ist." Kopfnicken des Fischers." Sie werden also nicht ausfahren?" Kopfschütteln des Fischers, steigende Nervosität des Touristen. Gewiss liegt ihm das Wohl des ärmlich gekleideten Menschen am Herzen, nagt an ihm die Trauer über die verpasste Gelegenheit. "Oh? Sie fühlen sich nicht wohl?" Endlich geht der Fischer von der Zeichensprache zum wahrhaft gesprochenen Wort über." Ich fühle mich großartig", sagt er. "Ich habe mich nie besser gefühlt." Er steht auf, reckt sich, als wollte er demonstrieren, wie athletisch er gebaut ist. "Ich fühle mich phantastisch ."Der Gesichtsausdruck des Touristen wird immer unglücklicher, er kann die Frage nicht mehrunterdrücken, die ihm sozusagen das Herz zu sprengen droht: "Aber warum fahren Sie dann nicht aus?" Die Antwort kommt prompt und knapp." Weil ich heute Morgen schon ausgefahren bin." "War der Fang gut?" "Er war so gut, dass ich nicht noch einmal ausfahren brauche, ich habe vier Hummer in meinen Körben gehabt, fast zwei Dutzend Makrelen gefangen." Der Fischer, endlich erwacht, taut jetzt auf und klopft dem Touristen auf die Schulter. Dessen besorgter Gesichtsausdruck erscheint ihm als ein Ausdruck zwar unangebrachter, doch rührender Kümmernis. "Ich habe sogar für morgen und übermorgen genug!" sagte er, um des Fremden Seele zu erleichtern. "Rauchen Sie eine von meinen?" "Ja, danke." Zigaretten werden in Münder gesteckt, ein fünftes Klick, der Fremde setzt sich kopfschüttelnd auf den Bootsrand, legt die Kamera aus der Hand, denn er braucht jetzt beide Hände, um seiner Rede Nachdruck zu verleihen. "Ich will mich ja nicht in Ihre persönlichen Angelegenheiten mischen", sagt er, "aber stellen Sie sich mal vor, Sie führen heute ein zweites, ein drittes, vielleicht sogar ein viertes Mal aus, und Sie würden drei, vier, fünf, vielleicht sogar zehn Dutzend Makrelen fangen. Stellen Sie sich das mal vor!" Der Fischer nickt. "Sie würden", fährt der Tourist fort, "nicht nur heute, sondern morgen, übermorgen, ja, an jedem günstigen Tag zwei-, dreimal, vielleicht viermal ausfahren - wissen Sie, was geschehen würde?"
Der Fischer schüttelt den Kopf. "Sie würden sich in spätestens einem Jahr einen Motor kaufen können, in zwei Jahren ein zweites Boot, in drei oder vier Jahren könnten Sie vielleicht einen kleinen Kutter haben, mit zwei Booten oder dem Kutter würden Sie natürlich viel mehr fangen - eines Tages würden Sie zwei Kutter haben, Sie würden...", die Begeisterung verschlägt ihm für ein paar Augenblicke die Stimme, "Sie würden ein kleines Kühlhaus bauen, vielleicht eine Räucherei, später eine Marinaden Fabrik, mit einem eigenen Hubschrauber rundfliegen, die Fischschwärme ausmachen und Ihren Kuttern per Funk Anweisung geben, sie könnten die Lachsrechte erwerben, ein Fischrestaurant eröffnen, den Hummer ohne Zwischenhändler direkt nach Paris exportieren - und dann..." - wieder verschlägt die Begeisterung dem Fremden die Sprache. Kopfschüttelnd, im tiefsten Herzen betrübt, seiner Urlaubsfreude schon fast verlustig, blickt er auf die friedlich hereinrollende Flut, in der die ungefangenen Fische munter springen. "Und dann", sagt er, aber wieder verschlägt ihm die Erregung die Sprache. Der Fischer klopft ihm auf den Rücken wie einem Kind, das sich verschluckt hat. "Was dann?" fragt er leise. "Dann", sagt der Fremde mit stiller Begeisterung, "dann könnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen - und auf das herrliche Meer blicken." "Aber das tu ich ja schon jetzt", sagt der Fischer, "ich sitze beruhigt am Hafen und döse, nur Ihr Klicken hat mich dabei gestört." Tatsächlich zog der solcherlei belehrte Tourist nachdenklich von dannen, denn früher hatte er auch einmal geglaubt, er arbeite, um eines Tages einmal nicht mehr arbeiten zu müssen, aber es blieb keine Spur von Mitleid mit dem ärmlich gekleideten Fischer in ihm zurück, nur ein wenig Neid.

Und der Friede Gottes der mehr ist als unsere Vernunft, bewahre unser Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Pfarrer Knut Deckner
Bereitgestellt: 28.03.2021     Besuche: 6 heute, 137 Monat
 
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