Predigt zum 21. Februar 2021 "Befreit von der Sorge um den eigenen Wert"

Vergn&uuml;gt <span class="fotografFotoText">(Foto:&nbsp;KG&nbsp;Walperswil)</span><div class='url' style='display:none;'>/kg/walperswil-buehl/</div><div class='dom' style='display:none;'>kirchenregion-aarberg.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>832</div><div class='bid' style='display:none;'>15810</div><div class='usr' style='display:none;'>223</div>

Brief des Apostels Paulus an die christliche Gemeinde in Philippi, Ausschnitte aus dem 3. Kapitel:

Mehr als jeder andere hätte ich, Paulus, eigentlich allen Grund, auf meine eigenen frommen Leistungen zu vertrauen. Aber ich kenne nun Jesus Christus und weiss, dass ich mich ganz auf ihn verlassen kann.
Würde ich mich weiterhin auf mein Lebenswerk oder auf sonst irgendetwas verlassen, käme das niemals an das heran, was ich durch meine Beziehung mit Jesus gewonnen habe und gewinnen werde.
Ich möchte schon jetzt und auch am Ende meines Lebens recht vor Gott dastehen. Aber ich verzichte darauf, mir Gottes Anerkennung durch eigene Leistung und Anstrengung zu erwerben. Dass ich in seinen Augen voll und ganz recht dastehen kann, ist ein Geschenk, dass er mir macht. Diese Tatsache erschliesst sich mir im Vertrauen auf Christus.

Liebi Gmeind
Wie hüüfig händ üs üsi Eltere i üse Kindheit und Jugendziit ds Kompliment gmacht i de Art vo: «Das hesch du guet gmacht.», oder «Bravo, super, mega-cool!», «Du bisch dä best!», «Ig bi stouz uf di.»?
Ig vermuet emol, dass die unter üs, wo scho älter sind, söttigi Bemerkige weniger ghört händ in Bezug uf sich selber. Und vermuetlich händ die Jüngere unter üs meh söttigi Beurteilige ghört in Bezug uf ihres Handle.
Es het ja im Lauf vo de Ziit en Änderig gä i de Art, wie mir üsi Chind tüend erziehe. Zue frühere Ziite het me gluegt, dass me d’Chind nid z’fest lobt, und dass sie immer wieder emol au eis ufs Dach chrieget, damit sie nit z’stolz oder z’übermüetig werdet und sie in ihrem Iifer nit lugg lönd.
Und denn, i de so genannte moderne Erziehig, het me d’Idee vertrete, me chönni de Selbstwert und ds Selbst-bewusstsii vo de Chind und Jugendliche stärke, wenn me
ds Guete und ds Positive tüeg betone.
Es het denn so Leitsätz gäh wie: «Me sött zerst emol füüf positivi Bemerkige mache, bevor dass denn au en kritische Kommentar möglich isch.» Das isch aber im tägliche Läbe nid immer ganz eifach, und so sind d’Lüüt erfinderisch mit ihrne Beurteilige. Mir sind als Familie es Wiili viel mit amerikanische Familie zämegsii, und dört händ mir hüüfig d’Bemerkig ghört: «Nice try!». Das chönd me übersetze mit «Isch en guete Versuech gsii» und trifft ungefähr üse Usdrugg «Du hesch dir würklich Müehe gäh.» Immerhin ermöglicht so e halb-positivs Kompliment, aaschliessend e hilfriichi Ermuetigung z’mache im Sinn vo: «Versuech’s no emol! Ich weiss, dass du’s chasch. Du schaffsch es!»
Das, wo mir da jetzt aagsproche händ, bezieht sich uf üses Handle, wo bestimmt isch vo üsem Chönne und üse Bega-bige. E markanti Handlig oder Leistig, wo Kompliment uslöst und Anerkennig bringt, isch für es chliises Chind dä Moment, wo es die erste Schritt ellei cha mache. Mit de Ziit sind’s denn Sache wie gueti Schuelnote heibringe, oder dass me guet cha turne oder schnell cha renne, präzis cha Flöte oder Klavier spiele. Mir lernet also als Chind, üs Lob, Anerkennig und Bestätigung z’verschaffe mit däm, wo mir leistet. Eso findet mir au üse Platz i dä Rang- oder Hack-ordnig, wo’s git im Zämesii mit üse Fründe und Schuel-kamerade. Jede, jedi het da irgendöppis vorz’wiise. Einigi holet sich ihri Anerkennig, i däm dass sie jedi Schlägerei gwünnet, d’Rolle vom Spassmacher oder vom Störefried übernehmet, oder wenn sie die erste sind, wo e Fläsche Bier trinket oder e richtige Zigarette rauchet.
Nebe däm git’s für üs aber no anderi Möglichkeite, Aner-kennig z’chriege. Einigi erläbet’s, dass sie automatisch Aasehen händ, ohni öppis müesse z’tue. I de hüütige Ziit, wo d’Medie e wichtigi Rolle spielet, wo also gluegt wird, was i d’Ziitige, im Fernsehen, im Internet brichtet und kommentiert wird, chah das im Extremfall so wiit gah, dass d’Chatz vom Karl Lagerfeld oder ds Hündli vo de Paris Hilton meh Beachtig chrieget als en normal sterbliche Mensch. Aber au im e ganz normale Dorf mit normal sterb-liche Mensche git’s d’Unterschied in Bezug ufs Aasehe, zum Biispiel über de Name und d’Stellig vo de Familie, also über s’Renommée, de gueti Ruef. So git’s die, wo e chli besser aagseh sind, wo meh dezue ghöred, es git aber au die, wo ufgrund vom schlechte Ruef vo de Familie ganz ohni eiges Dezuetue schlechteri Bedingige im Werbe um Aasehe und Anerkennig händ.
Mir händ also bis jetzt üsi Leistige und üsi Herkunft is Spiel bracht. Wesentlich i däm Spiel um Anerchennig sind aber au no üsi Charaktereigeschafte. Das tönt denn eso: «Du bisch es fliissigs Meitli oder en aaständige Bueb.» Eimal im Jahr fragt üs de Samichlaus, ob mir au immer schön brav gsii sind, lieb zu üse Gschwüsterti und Eltere. I de Schuel git’s en Iitrag is Zügnis, wenn mir nit so aaständig, streb-sam und folgsam sind. Und i de Chille, i de Sunntigschuel, im Religionsunterricht höred mir, dass mir üsi Mitmensche sölled gärn ha, dass mir ehrlich und güetig sölled sii, dass mir niemer söllet plage, nüt söllet stehle und anders.
Das ganzi Spiel oder viellecht besser de Kampf um d’ An-erkennig und ds Aasehe begleitet üs durch üses ganze Läbe. Es isch tatsächlich im Läbe wichtig, en guete Ruef z’ha. Die, wo’s nit schaffet, en guete Leumund z’bhalte, händ’s definitiv schwieriger im Läbe. Wer’s emol verspielt het, het Müehe, wider zrugg zfinde i ds Spiel vom Läbe. Üse Lä-benslauf, üsi Usbildigs- und Arbetszüügnis, üsi Uszüüg us em Straf- oder Betriebigsregister sprechet e düütlichi Sprach und händ e nachhaltigi Würkig. All das bestimmt, wie anderi üs iischätzet und mängisch vorverurteilet. Es bestimmt au, wie mir üs selber wahrnehmet, ob mir also Selbstvertraue händ oder Selbstzwiifel, Selbstachtig oder Selbstverachtig, Selbstbewusstsii oder Selbstmitleid.
Isch es falsch, wenn mir säget, dass mir e Stuck wiit gfange sind i dere ganze Gschicht, i däm Spiel oder Kampf um die eigeni und fremdi Anerkennig und um ds Aasehe?
Je meh dass mir gfange sind, desto meh mönd mir üs selbst-inszeniere, um neu Selbstbestätigung und fremdi Bestäti-gung z’finde. Mir bruuched meh Energie, um üs selbst-z’verteidige, selbst-z’verwürkliche, selbst-z’zer-fleische oder aber selbst-z’beweihräuchere.
Chönnt mir eigetlich ussefinde, wie fest dass mir gfange sind i dere Suechi oder viellecht au Sucht nach Aasehe und Anerkennig? Mi dünkt, dass mir denn en Antwort findet, wenn mir üs fröget, ob mir vor Allem selbstverliebt und selbstsüchtig sind, oder ob mir eher selbstlos und selbst-vergessen sind. Tüend mir üs also ständig um üs selber drehe, oder händ mir i üsem Läbe mehreri Fix- oder Mittel-pünkt? Händ mir au ds Wohl vo de andere im Blick?
Mir söttet bi dere Frag au anderi bitte, wo mir vertrauens-würdig findet, dass sie üs au iischätzet. So chriege mir e zweiti Meinig und e Fremdwahrnehmig, wo hilfriich cha sii.
Inzwische händ mir üsi Leistig, üsi Herkunft und üsi Cha-raktereigeschafte is Spiel bracht. Ei wesentliche Punkt fehlt üs aber no i däm ganze Bemühe, guet chönne daz’stah vor den andere, vor üs selber, und letztlich au vor Gott.
Was wäri eigetlech, wenn üses persönliche Aasehe, üsi per-sönlichi Anerkennig nid vo üse Leistige, Errungeschafte, üse Herkunft und üsem Charakter abhängig wär, sondern von ere bedingigslose Aanahm und Akzeptanz?
Einigi vo üs chönd sich viellecht no a d’Moment i ihrem Läbe erinnere, wo ihne d’Muetter, de Vater oder süsch e wichtigi Person gseit het: «Ig ha di gärn, und ig wird di immer gärn ha, ganz gliich, was passiert.» Viellecht isch das sogar in ere Ziit gsii, wo mir öppis gmacht händ, wo den andere überhaupt kei Freud gmacht het. Wo mir viel-lecht denkt händ: «Jetz het er oder sie mi sicher nüm gärn.»
Aber zum Glück händ mir mit üse Iischätzig nicht Rächt gha und händ glii no die bedingigslosi Aanahm und Aner-kennig erläbt.
Vo so ere grenzelose Aanahm spricht de Apostel Paulus i sim Brief a die Christe z’Philippi. Die sind nämlich i de Gfahr gsii, dä Glaube und ds Vertraue über Bord z’werfe, dass Gott sie bedingigslos gärn het. Die sind i de Gfahr gsii, zrugg z’gah i e religiösi Leistigsgmeinschaft, wo jede, jedi muess luege, dass er, sie am Schluss guet da staht, ohni Fehler und Mängel. Also recht da stah vor sich selber, vo den andere, vor Gott. Eso da stah, dass me sich nüt muess lah vorwerfe, dass me alles cha rechtfertige. Das me also absolut im Recht isch, Recht het mit däm, wie me gläbt het.
De Paulus selber het lang i so ere Form vo Leistigsgsell-schaft gläbt. Er isch scho als Chind i so e Läbesform ine-gwachse. Er het sich dra gwöhnt und isch mitr de Ziit stolz gsii uf sini Leistige, sini Herkunft, si Charakter und het sich nüt anders chönne vorstelle.
Bis zu däm Punkt i sim Läbe, wo er es persönlichs Erläbnis mit em Jesus gha het. Dört het er gmerkt, dass Gott ihn be-dingigslos aanimmt, gärn het. Dass Gott jede Mensch be-dingigslos gärn het. Dass mir nid am Änd vo üsem Läbe vor Gott mönd Recht ha mit der Art und Wiis, wie mir üses Läbe gläbt händ. So het sich de Paulus g’öffnet für d’Liebi vo Gott. Das het en Aatriebswechsel i sim Läbe bewürkt. De Paulus het nüm selber müesse luege, dass sin Selbstwert stimmt. Und er het si Stolz uf sini Leistige, sini Herkunft und si Charaktereigeschafte chönne ablegge. Er het die Art vo Freiheit entdeckt, wo er sich kei Sorge meh het müesse mache um sis Ego, wo er nüm abhängig gsii isch vo de Anerkennig und vom Lob vo den andere. Er het dä Glücks-zuestand kenneglernt, wo n er eifach froh und dankbar het chönne läbe, weil er bestimmt gsii isch vo de Liebi vo Gott. De Paulus isch da demit immer meh zum e selbstlose Mensch worde. Er het sis Ego, sis Selbst chönne vergesse, weil er gwüsst het, dass sini Anerkennig und sis Aasehe bi Gott sind. «Ersparet eu de Kampf und Krampf um Aasehe und Anerkennig», het de Paulus de Christe z’Philippi a’s Herz gleit. Und das das gilt nach wie vor – au für üs. Amen

Mit beste Grüess und eme härzliche
„B’hüet nech Gott, Pfr. Ueli Bukies

Gedanken aus: «Vom Glück SELBSTlos zu leben»
von Timothy Keller (deutsch 2014)
«Echte Demut im Sinn des Evangeliums bedeutet, dass ich aufhöre, (alles) … auf mich selbst zu beziehen. …
(Es ist) … das Glück der Selbst-Losigkeit: Nicht, wie in modernen Gesellschaften, höher von mir denken, oder, wie in traditionellen Gesellschaften, geringer. Einfach weniger an mich denken.»
«Der wirklich demütige Mensch wird weder von Selbst-Hass noch von Selbst-Liebe bestimmt, (er) ist ein selbst-loser Mensch; sein Ego gleicht seinen Zehen, wenn sie einfach funktionieren und keine ständige Aufmerksamkeit brauchen. Es funktioniert einfach.»
«Wonach wir alle suchen, ist ein letztgültiges Urteil, das besagt, dass wir wichtig und wertvoll sind. (Danach) … halten wir ständig Ausschau. Jeden Tag aufs Neue stellt unser Selbstwert sich unter Anklage.»
«Nur im Evangelium von Jesus Christus ergeht ein Urteil, bevor die Lebensleistung erbracht ist. Wer mit Jesus Christus verbunden ist, wird von Gott nicht mehr verurteilt. Im christlichen Glauben gilt: Gott nimmt die untadelige Lebensleistung von Christus und schreibt sie uns zu, als hätten wir sie erbracht.
Weil Gott mich liebt, weil ich Gott recht bin, muss ich nichts mehr tun, um ein gutes Bild abzugeben. Ich kann die Dinge einfach tun, weil sie mir Freude machen.»

Bereitgestellt: 22.02.2021     Besuche: 44 Monat
 
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