Predigt zum 7. Februar "Sorgsam miteinander leben"

Sorgsam <span class="fotografFotoText">(Foto:&nbsp;KG&nbsp;Walperswil&nbsp;B&uuml;hl)</span><div class='url' style='display:none;'>/kg/walperswil-buehl/</div><div class='dom' style='display:none;'>kirchenregion-aarberg.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>832</div><div class='bid' style='display:none;'>15774</div><div class='usr' style='display:none;'>223</div>

Aus dem Brief des Apostels Paulus an die christlichen Gemeinden in der Provinz Galatien:
Gott hat euch zur Freiheit berufen, meine Geschwister! Missbraucht eure Freiheit nun nicht als Freibrief, um eure selbstsüchtigen Wünsche zu befriedigen. Vielmehr dient einander in Liebe! Denn alles, was Gott möchte, ergibt sich aus dem Satz: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“
Wenn sich jemand von euch zu einem Fehlverhalten ver-leiten lässt, sollt ihr ihm voll Nachsicht wieder zurecht-helfen. Lasst euch von Gottes Geist leiten. Gebt aber dabei auf euch selber Acht, damit nicht auch ihr in Versuchung geratet. Helft einander, eure Lasten zu tragen! Somit werdet ihr das Gesetz erfüllen, das Christus uns gegeben hat.

Aus dem Buch „Ein bisschen Glauben gibt es nicht. Wie Gott mein Leben umkrempelt“ von Daniel Böcking:
„Es macht ja grundsätzlich mehr Spass, samstagsmorgens bei einem Umzug Kisten zu tragen, wenn man es für einen Freund tut, der darüber glücklich ist, als zu wissen, dass man nur die eigenen Päckchen für sich selbst schleppen muss.“

Liebi Gmeind
Es isch umhüllt vo Watte oder iigwicklet i Siidepapier, ligt bhüetet im e Karton- oder Holzschächteli und dezue no gschützt in ere Truhe oder Komode, wo me chah verrigle. Es Familienerbstück, wo üs zeigt, dass mir Sorg träget zu dene Sache, wo sehr wertvoll sind für üs.
Sie isch rundum suuber putzt. Me findet kei Spure vo Seife-pulver und Weichspüler a de Türe oder im Pulverschacht, kei Fäserli und Häärli i de Trummle oder im Filter, kei Staubflocke uf em Ghüüs; wo abdeckt isch mit eme alte Liinetuech. Würd me no es Cherzli anesteue, chönnted mir de Iidruck überchoh, es sigg en Huusaltar …
D’Wäschmaschine, wo üs zeigt, dass mir au Sorg träget zu üse Hiufsgrät im tägliche Läbe, damit sie’s üs danket mit em e lange, zuverlässige Dienst.
Sie stönd schön in Reih und Glied hinter de Spiegeltüre: Creme und Abdeckpaste, Pülverli und Sälbeli, Pinseli und Wattestäbli, Tusche- und Lackstift, Fläschli mit Lack-entferner, Reinigungs- und Duftwässerli, und vieles meh.
D’Kosmetikprodukt, wo üs zeiget, dass mir au Sorg händ zu üs seuber, zu üse Visage, üse Visitekarte.
Wenn mir, und die andere au, doch nume so guet würdet luege und chönnted Sorg träge zu enand, wie mir’s mit üse Familieerbstück, Huushautsgrät und üsem Image mached! Wenn mir üsi Nächste gliichwertig im Blick hättet, sorgsam und achtsam chönnted zu enand luege i de Familie und i de Nachbarschaft. Leider bringet mir das nit ganz ane, nit dihei und au nit i üse Dörfer, Städt und Kantön, nit i üsem Land und au nit mit üse Nachbarsländer und weltwiit.
En guete, gwüssehafte Handwerker luegt zerst emol de Gegestand, wo er sött flicke, gründlich aa und untersucht ihn. Eso mönd au mir ehrlich üses Zämeläbe aaluege.
I weller Ziit und i wellen Umständ läbet mir? Nach em zweite Weltkrieg het Ufbruchstimmig gherrscht. I de 50er und 60 er Jahr het me gmeint, es gäbi ietz Friede und au d’Bfreiig für aui Vöuker vom Kolonialismus; es guets Läbe für aui Mensche uf dere Ärde, ohni Armut, Hunger, Mangu und Unterdrückig. Aber scho i de 80er und 90 er Jahr isch de Optimismus verfloge gsii. D’Illusione händ sich ufglöst und Platz gmacht für die nackti Würklichkeit von ere zer-brechliche und leider au zum e guete Teil zerbrochene Menschheit. Viele Mensche sind enttüscht, verletzt, ent-wurzlet. Ei Folg devo isch, dass vieli zruggzoge und ab-kapslet läbet. Au uf nationaler Ebeni werdet d’Sicherheit und Verteidigung betont. Vöuker grenzet sich ab gege ds Fremde und Unbekannte. Länder errichtet Muure und Hääg, bewachet ihri Grenze uf em Land und am Meer. I au däm breitet sich Ungliichheit und Ungrechtigkeit us: überau het’s e chlini Schicht vo Riiche, wo’s schaffet, iiflussriich und mächtig z’bliibe und eso immer riicher und mächtiger z’werde. I au däm werdet allgemein und öffentlich d’Ver-wirrig und d’Unsicherheit grösser. Während einigi ver-zwiiflet, tüend sich anderi radikalisiere, und vieli flüchtet sich eifach i Vergnügige und Ablenkige und denket: «Nach üs d’Sintfluet!»
Es git Mensche, die händ sich nit lah aastecke vo dere illu-sorische Ufbruchstimmig nach em zweite Weltkrieg. Und sie händ sich au nit lah aastecke vo dere Hoffnigs- und Orientierigslosigkeit, wo aaschliesend choh isch. Sie händ sich lah aastecke vo de Liebi vo Gott. Eso händ sie die Schwache, Behinderte und Bedürftige in ihrer Umgäbig wahrgnah. Sie händ erkennt und zueglah, dass das ihri Nächste sind. Eso händ die, wo das eso empfunde händ, Läbensgmeinschafte gründet und einzelni Mensche mit Behinderige ufgnoh. Es Biispiu isch d’ «Arche»-Bewegig. Uf de ganze Wäut git’s söttigi «Arche»-Gmeinschafte, au i de Schwiiz z’Fribourg, z’Genf und z’Dornach.
Es isch sehr en spezieue Wäg, wo die Mensche gönd, wo sich zu ere söttige Läbenswiis gruefe fühlet. Sie träget d’Laste vo andere Mensche mit, wo für die Mensche und für ihri Familie ellei z’schwer z’träge sind. Mänggisch wird’s in ere Familie z’schwär, e behinderti Person z’betreue.
Nit aui Mensche mönd eso läbe und e Läbensgmeinschaft bilde, wo geistig Behinderti ufnimmt. Aber aui vo üs wer-det ermuetiget üs zum e Läbensstil, wo prägt isch vo de Liebi vo Gott; wo sich orientiert am Wäg vo Christus. Oder anders gseit am Gsetz vo Christus, wo luutet: me muess zerst abe gah, bevor dass me ufeglüpft wird. De Jesus het die Haultig vom «zerst abegah» vorgläbt. Er isch als Sohn vo Gott abechoh zu üs Mensche in üsi Zerbrechlichkeit und Zerbrocheheit. Er het sich ganz solidarisiert mit üs. Meh no, er het sich dere Zerbrocheheit usgsetzt und sie usghaute bis zu sim grauehafte Tod. Eso het er üs sini Liebi zeigt. Er het üsi Laste treit, üsi Ablehnig, Schuld, Isolation, Orientierigs-losigkeit. Er het üsi Sterblichkeit treit und überwunde.
Die Hautig vom „zerst abe“ führt immer au zum Mitenand. Sie luegt nit uf d’Befriedigung vo de eigete selbstsüchtige Wünsch. Sie het die eigete Bedürfnis und die vo de Mit-mensche gliichwertig im Blick. D’Hautig vom «zerst abegah» isch e Hautig vom sich Mit-Freue, aber au vom Mit-Liide. Das isch mit Mut verbunde und chah schmerz-haft sii. Es sich ufenand Iilah isch i der Regle unberechebar und es Wagnis. Wenn mir das machet, erfahre mir, wie zerbrechlich und au zerbroche mir seubst sind oder chönd sii. Mir begägnet üse Ängst und üsem Stouz, üser Boshaf-tigkeit. Das ghört ja au zu üs Mensche. Aber wenn mir’s i dere «zerst abegah»-Hautig zuelönd, chah an üs Heilig und Uferbauig durch Gott und dur üsi Mitmensche gscheh.
De Apostel Paulus ermuetiget üs i sine Brief zu däm «zerst abe»- Läbensstil, und zwar dört, wo mir grad sind. Mir chönd grad dört, wo mir sind, demit aafah bzw. wiiter-fahre: achtsam sii und eso Sorg gäh zu üse Mitmensche, wie mir Sorg händ zu dene Sache, wo für üs wichtig und wertvou sind. Üsi Mitmensche so umsorge, schätze und pflege wie üsi Familieerbstück, Huushaltsgrät oder Werk-züüg, üses Image, üsi Visage. Das wird denn i viune Fäu en Unterschied mache und e neui Qualität vom Zämeläbe brin-ge. Bei einige en chliine, aber fiine Unterschied, bi andere en grössere. Und wer weiss, viellecht werdet mir entdecke, wie anderi üs denn au sorgsamer behandlet. Und dass au mir üsi Zerbrechlichkeit chönd zeige und zuelah, dass die andere üs mitträget.
Mir werdet de Unterschied i de Läbensqualität immer denn gspüre, wenn üses Härz liebevoll mitfühlt, mitliidet, mit-treit. Wenn mir also nit nume handlet, wil’s vom Gsetz her vorgschribe isch. Das isch ja au grundsätzlich guet, und mir chönd dankbar sii, dass i üsem Land vom Gsetz her die Schwache, Kranke, Bedürftige, Behinderte nit usser Acht glah werdet. Dass mir en Lastenusgliich händ, i viune Fäu es gliichs Rächt für aui, en Schutz für Minderheite, vor Lärm und überhöhter Gschwindigkeit, en Schutz vo de Natur und de wiude Tier, wo süsch buchstäblich unter d’Räder würdet choh. Ja, scho vom Gsetz her sind wir i viuem ufgforderet, sorgsam zsii und z’handle. Aber d’Frag steut sich immer: wo isch i däm üses Härz? Empfinde mir ds «sorgsam sii» nume als (mängisch e lästigi) Bürger-pflicht, oder isch au üses Härz liebevou mitfühlend, mit-liidend, mitträgend drbii?
Und no öppis: irgendwenn emol im Läbe wär’s guet, wenn mir’s chönntet zuelah, dass au mir zerbrechlich und zer-broche sind. Mir mönd sicher gege ds Änd vo üsem Läbe wider zuelah, dass anderi mönd und dörfed Sorg träge zu üs. Das isch e völligi Umprogrammierig vo üse läbenslange „Ig chah seuber!“-Iisteuig. Es Ufgäh vom Stouz und vom Läbensgfühl vo de Freiheit, wenn mir weniger chönd allei erledige und bewäutige. Wenn mir uf d’Frage, wo sich üs im autägliche Läbe steuet, nüm allei en Antwort und e Lösig findet. Wenn mir’s mönd lerne, mitfühlend und mitliidend mit üs seuber chönne zsii.
De Theolog und Seelsorger Ulrich Wilckens het’s uf de Punkt bracht: Dur de Glaube a Christus isch en andere Geist in üses Läbe choh: de Geist vo Gott, wo üs starki Impuls git zum e liebevolle Handle und üs mitmenschlicher usrichtet. Das „Ig tue seuber, ig chah seuber“ erfahrt e Neu-programmierig. Mit ere neue Hautig lueget mir nüm gliich-gültig uf d’Schwächene vo den andere. Au tüend mir sie nüm rücksichtslos zum eigete Vorteil usnütze. Mir tüend also d’Schwäche und ihri Uswürkige nüm verstärke und verschlimmere, sondern sind im Gegeteil offe defür, mit-enand üsi Mängel und Nöt zträge. Mir gänd i däm Sinn Sorg zu üse Schwäche, au den eigene, und mir hälfed enand güetig, sie z’überwinde.
Wenn mir Freiheit eso verstönd, als chönnted mir als Ein-zelpersone immer tue und lah, wie mir’s wänd und guet findet, führt üs letztlich in e vöuigi Isolation, in es Gfängnis vo de Einsamkeit und Beziehigslosigkeit. Freiheit hingege im christliche Sinn isch ds Ufghobesii in ere Gmeinschaft, mit de Möglichkeite vom Gäh und Näh, wo mir üs gege-siitig träget, ergänzet und usgliichet. Wo mir üs gegesiitig über die iiengende Muure lüpfet vo de eigene Schwäche und Begrenztheite. Gott sei Dank für die Art vo Freiheit, wo ds „mitenand sorgsam läbe“ möglich macht. Amen

Ein jeder trage die Last des andern,
so wie es Jesus geboten hat.
Ein jeder trage die Last des andern,
so wie es Jesus für jeden tat.
1. Lasten gibt es genug; jeder trägt sein Paket
von den Sorgen und Ängsten der Zeit.
Es gibt Arbeit, die über die Kräfte geht,
es gibt Schuld, Hass und Lieblosigkeit.
2. Er nahm uns von den Lasten das schwerste Stück.
Er trug unsere Schuld, und dabei
machte er unsre Hände und unseren Blick
für die Lasten des anderen frei.
3. Keiner ist da zu schwach und zu ungeschickt,
denn wer immer es will, der stellt fest:
Auch der Schwächster kann tragen, was andre bedrückt,
wenn er sich selbst von Gott tragen lässt.
(Manfred Siebald, 1977)

Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht
bringe ich vor dich. Wandle sie in Weite;
Herr, erbarme dich
Mein verlornes Zutraun, meine Ängstlichkeit
bringe ich vor dich. Wandle sie in Wärme;
Herr erbarme dich. (Eugen Eckert, 1981)

Mit beste Grüess und eme härzliche
„B’hüet nech Gott, Pfr. Ueli Bukies
Kerstin Möri,
Bereitgestellt: 08.02.2021     Besuche: 113 Monat
 
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