Worte für Sonntag, 7. Juni 2020 "Ohne Weg keine Freiheit"

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Reformierte Kirchgemeinde Walperswil-Bühl

Worte für Sonntag, 7. Juni 2020

«Ohne Weg keine Freiheit»

Liebe Kirchgemeindemitglieder!

Wir Menschen sind auf dem Weg. Schon der Mutterleib ist unser «Fitness-Studio»; wir strampeln und stossen, bewegen und stärken so unsere Beine. Nach unserer Geburt brauchen wir etwa ein Jahr, um unsere ersten Schritte selbstständig zu machen. Aber von da an gibt es für uns kein Zurück mehr. Wir lassen uns nicht entmutigen durch unzählige Stürze, und nicht einmal von blauen Flecken, blutigen Knien, Händen und Nasen. Es dürfte nicht falsch sein zu behaupten, dass etliche von uns Menschen in ihrem Leben nie wieder so viel Entschlossenheit zeigen wie beim Laufen-lernen.
Aber nicht nur körperlich sind wir auf dem Weg, sondern auch innerlich oder vielleicht besser als ganze Person. Erwachsen werden bedeutet, die eigenen Wege suchen und gehen lernen. Auch hier gilt, dass wir uns dabei nicht von Sackgassen, Um- und Irrwegen entmutigen lassen. Mehr oder weniger finden wir unseren eigenen Weg durchs Leben.

«Viele Wege führen nach Rom», lautet das bekannte Sprichwort. Wir können in unserem Leben die unterschiedlichsten Wege gehen: breite oder schmale; sumpfige und sandige oder feste; steile oder flache; gewundene oder grade, spannende oder ruhigere, freiheitliche oder gewohntere, bewährte oder riskante. Am Ende aber gelangen wir auf unseren Lebenswegen alle nach «Rom», ganz gleich, wie unterschiedlich diese verlaufen sind. Dort angekommen, sind wir wieder alle gleich. «Das letzte Hemd hat keine Taschen», lautet das ebenfalls bekannte Sprichwort.

Merkwürdigerweise reden wir auf unserem Lebensweg nicht gerne über unser Endziel. Die meisten von uns würden am liebsten gar nicht dort ankommen. Wir stecken uns Zwischenziele, planen die Wegstrecken dorthin und freuen uns im Voraus darauf. Aber wenn es um’s Endziel geht, versuchen die meisten von uns, noch möglichst viele Umwege einzubauen, um das Erreichen hinauszuzögern. Für viele ist das Endziel ein Tabuthema; so, als hätten wir Angst davor.

In ihren Anfängen ist die christliche Gemeinschaft bezeichnet worden als «die des (neuen) Weges». Die Zürcher Bibel behält in der Übersetzung diesen ursprünglichen Ausdruck bei. In Kapitel 24 der Apostelgeschichte sagt der Apostel Paulus, nachdem er als Unterdrücker «des (neuen) Weges» zu einem «Weggefährten» verwandelt wurde: «Ich diene dem Gott meiner Väter nach dem neuen Weg, den sie eine Sekte nennen, indem ich nach wie vor an alles glaube, was im Gesetz Mose und in den Schriften der Propheten steht, und ich meine Hoffnung auf Gott setze, dass es für alle Menschen eine Auferstehung vom Tod geben wird.»
Schon im Alten Testament finden wir den Ausdruck «Weg des Herrn» und damit verbunden die Aufforderung, diesen Weg zu beachten. Menschen sollten bei der Gestaltung ihrer Lebenswege prüfen, ob diese gottgefällig sind. Immer wieder wird über Menschen und deren Familientraditionen berichtet und davon, dass ihr Handeln «recht in den Augen Gottes» war oder nicht. Die einzelnen Personen konnten sich je nach dem die Lebensweise der eigenen Familie zum Vorbild zu nehmen oder mussten diese verlassen.
Im Neuen Testament bezeichnet sich Jesus als «der Weg», und diese Selbstbezeichnung und die Einladung «Folge mir nach» prägten dann die Bezeichnung für die anfängliche christliche Gemeinschaft als «die auf dem (neuen) Weg».

Als Christen sind wir also auf einem bestimmten und in gewisser Weise neuen Weg. Unser Ziel ist die Freiheit, genauer gesagt die endgültige Freiheit. Wir leben nicht mehr in Gefangenschaft. Jemand hat die Tür unseres Gefängnisses geöffnet und uns befreit, genauer gesagt, uns die Freiheit eröffnet. Die vollkommene Freiheit liegt noch vor uns, und wir sind unterwegs hin zu ihr. Wenn wir uns fragen, «Was ist unser Gefängnis?» und «Wer hat die Gefängnistür geöffnet?», finden wir im Neuen Testament die Ant-wort darauf. Es heisst im Brief an die Hebräer: «Er (Jesus) ist ein Mensch geworden wie wir, um uns aus der Angst vor dem Tod zu befreien. Denn diese Angst hielt uns unser Leben lang in Knechtschaft.»
Wir erinnern uns: die meisten von uns reden nicht gerne über das Endziel unseres irdischen Lebensweges. Weil die Angst davor uns beherrscht.

Wenn wir uns darauf einlassen, unser Gefängnis zu verlassen, sind wir noch nicht vollständig frei. Das zeigt uns unsere alltägliche Erfahrung. Denn auch wenn wir uns von der Angst vor dem Tod nicht mehr beherrschen lassen müssen, sind Tod und Vergänglichkeit dennoch gegenwärtig.
Aber wir sind auf dem Weg zu dem Ort und Zustand, wo der Tod nicht mehr das letzte Wort haben wird. Und wir haben die Hoffnung als starken Wegbegleiter. Der Apostel Paulus drückt es im Brief an die Römer so aus: «Es gibt die Hoffnung, dass die Schöpfung aus der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit wird und so zu der Freiheit gelangt, die uns als Gottes Kinder in der Herrlichkeit erwartet. Bis heute seufzt und stöhnt ja die ganze Schöpfung vor Schmerz wie in Geburtswehen. Genauso geht es uns: auch wir warten darauf, dass Gott uns endgültig als seine Kinder annimmt – und dabei unseren Leib von der Vergänglichkeit erlöst.»
Ein Leben «auf dem (neuen) Weg» zur vollkommenen Freiheit bedeutet aber wesentlich mehr als «nur» ein Leben ohne Tod.
Es gibt andere Beherrscher, die hier und jetzt unsere Freiheit bedrohen und einschränken. So wie Krankheiten unsere körperliche Freiheit einschränken, können Ansichten und Verhaltens-weisen unsere innere und äussere Freiheit einschränken und die unserer Mitmenschen. Immer wieder erleben wir es, dass wir uns selbst im Weg stehen können und auch anderen. Wir werden mehr oder weniger von unserer «menschlichen Natur» auf die eine oder andere Art beherrscht. Immer dann, wenn wir die (eigene) Beherrschung (über uns) verlieren. Bob Dylan drückt das ehrlich in seinem Lied «Most of the time» («die meiste Zeit») aus. Meistens handeln wir gut, verantwortungsbewusst, nachsichtig. Aber es gibt auch Zeiten, wo wir schamlos handeln (und uns nachher schämen), wo wir einander feindselig gesinnt sind, streit- oder eifersüchtig sind, rechthaberisch handeln, Trennungen, Zerwürfnisse, Ungerechtigkeiten bewirken oder unterstützen. Wo wir neidisch sind, überheblich und stolz, unverantwortlich, unmoralisch und unkontrolliert, wo wir gottlos werden und Ersatzgötter verehren (wie es Martin Luther treffend ausgedrückt hat: «Alles, woran du dein Herz hängst, ist dein Gott.»).
Solches Handeln und Verhalten macht uns und unsere Mitmenschen zu Leidtragenden. Es führt zu Seufzen, Stöhnen, Weinen und Klagen, und es macht und hält uns und andere unfrei.
Trotz allem sind wir «auf dem (neuen) Weg», der zur Freiheit führt. Inmitten aller Irrungen und Verfehlungen können wir auf dem Weg bei all denen, die ihn vor uns gegangen sind, und auch bei denen, die ihn jetzt neben uns und mit uns gehen, eine christliche «Familientradition» entdecken, die es wert ist, beachtet zu werden.
Trotz allem gilt das Versprechen unseres unsichtbaren Reiseleiters Jesus, uns nicht allein zu lassen auf unserem Weg. Gilt uns sein Versprechen, dass er uns den Geist Gottes als Wegbegleiter gibt, der uns mit Hoffnung und Entschlossenheit ausrüstet, die uns immer wieder aufstehen und aufschauen lässt. Der uns hilft, dass wir uns von Liebe und Freundlichkeit beherrschen lassen, Treue, Aufrichtigkeit, Rücksichtnahme und Geduld. Und dass unser Miteinander gut ist und besser wird, und somit auch unsere Welt.

Mit dem Apostel Paulus, einem Weggefährten, können wir sagen: «Es ist meine feste Hoffnung, dass ich einmal unter denen sein werde, die von den Toten auferstehen. Auch wenn ich noch nicht das (End-) Ziel erreicht habe, setze ich alles daran, an dieses Ziel zu gelangen. Denn nachdem Jesus Christus Besitz von mir ergriffen hat, möchte auch ich das ergreifen, zu dem Gott uns durch Christus Jesus berufen hat: die Teilhabe an der himmlischen Welt.»
Amen

Liebi Grüess und b’hüet nech Gott, Pfr. Ueli Bukies
Kerstin Möri,
Bereitgestellt: 08.06.2020     Besuche: 17 Monat
 
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