Kopf hoch in der Krise! 5 "Ab morgen überziehen wir wieder unser Konto"

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Reformierte Kirchgemeinde Walperswil-Bühl
«Kopf hoch in der Krise!»- Worte für
Sonntag 10. Mai 2020

«Ab morgen überziehen wir wieder unser Konto!»

Eine Standortbestimmung zum 8. Mai (!)

Liebe Kirchgemeindemitglieder
Das Coronavirus hat die ganze Welt «auf dem falschen Fuss erwischt» und uns alle zu Anfängern gemacht. Dr. Tom Frieden, ein Experte im Bereich Gesundheitsvorsorge und Seuchenbekämpfung mit jahrzehntelanger Erfahrung, sagte kürzlich, dass er eine Situation wie die gegenwärtige noch nicht erlebt hat. Überall auf der Welt versuchen Menschen, so schnell wie möglich zu verstehen und zu lernen, was das Virus mit uns macht, wie wir damit umgehen und was wir dagegen tun können, um die tödliche Gefahr in den Griff zu bekommen.
Das Virus hat nicht Halt gemacht vor Präsidentenpalästen, hat sich sowohl auf Kreuzfahrtschiffen als auch auf Flugzeugträgern eingenistet, hat weltweit nationale bzw. öffentliche Sicherheitslücken aufgedeckt. Länder, die teure Kampfjets besitzen, um ihren Luftraum abzusichern, müssen zur Kenntnis nehmen, dass sie über keine geeigneten «Coronafighter» verfügen, die die Atemluft ihrer Bevölkerung schützen können.
Das Coronavirus hat eine gesundheitliche, aber auch eine soziale, spirituelle, wirtschaftliche, finanzielle und an einzelnen Orten auch politische Krise ausgelöst. Es wird immer deutlicher für uns, dass Vieles zukünftig nicht mehr so sein wird, wie es war.
Krisenzeiten allgemein ermutigen oder zwingen uns zu einer Standortbestimmung. Eigentlich waren wir ja schon vor Covid-19 mit einer solchen beschäftigt, aber unter anderen Vorzeichen. Zu Beginn des Jahres schaute die Welt, noch die Bilder der riesigen Brände im Amazonas-Regenwald im Kopf, nach Australien, wo Buschfeuer in ungeheurem Ausmass wüteten. «Unser Haus brennt», hiess es daraufhin in der vierten Januarwoche am WEF in Davos, wo die nicht umgesetzten Beschlüsse und somit mangelhaften Massnahmen zum Klimaschutz und zur Erhaltung der Artenvielfalt zum zentralen Thema wurden. Und während dort die allermeisten der wichtigen Persönlichkeiten aus der ganzen Welt diskutierten, wie die negativen Folgen von Klimawandel und Artensterben für das menschliche und allgemeine Wohl gebremst werden können, breitete sich noch relativ unbeachtet das Virus SARS-CoV-2 von China her aus und führte zur jetzigen Pandemie, zur Überraschung und zum Entsetzen von uns allen.
Als Folge davon steht oder stand an vielen Orten der Welt alles oder das meiste still. Länder schlossen ihre Grenzen, Urlaubsreisen wurden gestrichen, der Verkehr zu Land, Wasser und Luft wurde auf ein Minimum reduziert. Das weiterhin aus dem Boden sprudelnde, aber weniger benötigte Erdöl füllte alle erdenklichen Lager und wurde zeitweise gratis abgegeben oder sogar zu Negativpreisen «verscherbelt».
In kürzester Zeit haben sich durch das unfreiwillige «Nicht mehr so handeln können wie bisher» der Menschen in unserer Umwelt Zustände ergeben, die wir gerne haben, aber freiwillig nicht bewirken wollten: an vielen Orten wurden die Luft und das Wasser sauberer, der Himmel klarer.
Für etliche einflussreiche Personen aus Wirtschaft und Politik hat der Erhalt dieses verbesserten Umweltzustands allerdings keine Priorität. Sie fordern ein Zurück zur wirtschaftlichen «Normalität» und möchten das durch die Krise gebremste Wirtschaftswachstum wieder ankurbeln. Sie nehmen dafür eine erneute Verschlechterung der Umweltverhältnisse in Kauf.
Heute, am 8. Mai, in der Coronavirus-Krise, «feiern» wir in der Schweiz den Erdüberlastungstag für unser Land. An diesem Gedenktag müssen wir mit Erschrecken feststellen, dass wir in der Schweiz mit unserem Überfluss-Lebensstil bereits nach gut vier Monaten die uns zur Verfügung stehenden Ressourcen der Erde, die eigentlich für ein ganzes Jahr reichen sollten, schon aufgebraucht haben. Wir sind also «pleite» und überziehen ab morgen bis zum Jahresende unser Ressourcen-Konto. Die Hoffnung, dass unser Überfluss-Lebensstil durch Menschen in anderen Ländern, welche einfacher und bescheidener leben, ausgeglichen wird, müssen wir leider begraben. Denn der Welt-Erdüberlastungstag, bezogen auf alle Länder der Erde, hat sich in den letzten Jahren auch ständig nach vorne bewegt und war im Jahr 2019 bereits am 29. Juli. Die ganze Welt wird also dieses Jahr etwa ab dem Monat August für den Rest des Jahres das Ressourcen-Konto überziehen.
Wie im Finanzbereich können wir auch in Bezug auf unsere Umwelt nicht schrankenlos ein Minus anhäufen. Unser Stil zu leben und zu wirtschaften (er hat wahrlich nichts mit «Normalität» zu tun, sondern ist sehr unnormal) führt letztendlich zur Überlastung der natürlichen Ressourcen mit unwiderruflichen und schwerwiegenden Folgen. Kein Wunder, hat sich das diesjährige WEF endlich diesem Thema angenommen. Und sogar die Bank J.P. Morgan, die weltweit immer noch am meisten Geld in die Erdöl und -gas fördernde Industrie investiert, schreibt im Januar in einem internen Bericht, der durch ein «Loch» an die Öffentlichkeit geriet: «Es ist eindeutig, dass die Erde auf etwas zusteuert, bei dem das, was jetzt existiert, nicht erhalten bleibt. Es muss sich im Verlauf der nächsten Zeit etwas ändern, wenn die menschliche Rasse überleben soll.»
Wenn wir also jetzt eine Standortbestimmung vornehmen, müssen wir uns ernsthaft die Frage stellen, ob wir, bedingt durch die Krise, wirklich am völlig falschen Ort stehen? Muss unsere Wirtschaftsleistung unbedingt und so schnell wie möglich wieder hochgefahren werden dorthin zurück, wo sie vor der Coronavirus-Pandemie war?
Eigentlich wissen wir alle, dass das geforderte Zurück zur «Normalität», zum «Business as usual», uns in eine abnormale und gefährliche Situation zurückführt. Diese so genannte «Normalität» der letzten dreissig Jahre mit möglichst ständig zunehmendem Wohlstand hat ja dazu geführt, dass wir die uns zustehenden jährlichen Ressourcen vorzeitig aufgebracht haben (oder sollten wir eher sagen «verpulvert»?), und mit jedem Jahr schneller. «Normal» wäre es, einen Lebens- und Wirtschaftsstil zu entwickeln, der es zukünftig unnötig macht, einen Erdüberlastungstag zu «feiern».
«Normal» wäre es, wenn nicht wir Menschen der Wirtschaft, sondern die Wirtschaft wieder uns Menschen dienen würde. Wenn unser Wirtschaften, also Arbeiten und Handeln, nachhaltig unsere wesentlichen Bedürfnisse abdecken würde, aber wir nicht mehr als nötig arbeiten würden und zudem unsere Arbeit aufteilten mit dem Ziel, dass möglichst alle eine Arbeit haben.
Wenn wir nach dem Vorschlag des Niederländers Rutger Bregman die Arbeitsbereiche mehr schätzen, schützen und besser bezahlen würden, die wesentliche und lebensnotwendige Aufgaben verrichten, wie zum Beispiel das Gesundheitswesen, der öffentlichen Verkehr, die Produktion und der Verkauf von Lebensmitteln.
Es ist anzunehmen, dass wir wohl bald zur geforderten «(Ab-) Normalität» zurückkehren werden. Aber hoffentlich nur vorübergehend!
Es bleibt zu hoffen, dass wir bald einmal keine Angst mehr davor haben werden, etwas von unserem Überfluss-Wohlstand zu verlieren. Dass wir uns nicht dauerhaft «mit ganzem Herzen und ganzer Seele, ganzem Denken und ganzer Kraft» in die Tretmühle der Hochleistungsgesellschaft begeben. Dass wir uns nicht länger als Arbeitskräfte verstehen, und dass wir unser Leben nicht einseitig so einrichten, als menschliches Material möglichst produktiv und effizient sein zu können.
Dass wir es satt bekommen, ständig mehr zu produzieren, als wir nötig haben. Und dass wir uns nicht länger von der Werbung überzeugen lassen, all das dann möglichst auch zu kaufen und zu konsumieren, was wir produzieren («Gönn es dir. Schliesslich hast du hart dafür gearbeitet. Du bist es dir wert! Kaufe und wecke damit den Neid deiner Freunde!»).
Dass wir genug bekommen vom Shopping als «Lifestyle», dass wir uns nicht länger zu willigen Rädchen machen in einer Überfluss- und Wegwerfmaschinerie. Dass wir nicht unser Gewissen durch Recycling aufbessern, sondern durch weniger und unnötigen Konsum. Dass wir uns nicht länger von «Brot und Spielen» ablenken lassen und den Gedanken verbannen: «Nach uns die Sintflut!»
Dass wir nicht länger denen politische Verantwortung übertragen, die uns am meisten Wohlstand versprechen und am wenigsten «Opfer» abverlangen. Dass die jetzt leider noch korrekte Einschätzung im Bericht der Bank J.P. Morgan dann bald nicht mehr zutrifft: «Keine Regierung scheint entschlossen zu sein, ihrer jetzigen Bevölkerung finanzielle Opfer aufzuerlegen zum Wohl ihrer Kinder und Enkelkinder oder zum Wohl von Menschen in anderen Ländern, die jetzt schon von den Folgen des Klimawandels betroffen sind.»
Dass wir nur kurzfristig zurückkehren zu einem Zustand, «in dem sich
die Ungleichheit auf der Erde auf dem Höchststand befindet» (Rutger Bregman), und dass wir dies mit Entschlossenheit ändern wollen.
Eigentlich hat die Coronavirus-Krise gute und wesentliche Dinge aufgezeigt und uns gelehrt. Wir haben Verständnis bekommen für die Schwächeren, Anfälligeren, Gefährdeten unter uns. Und wir haben unser Leben darauf eingestellt und auch Opfer gebracht. Wir haben (Nachbarschafts-) Hilfe geleistet, und einige haben bei ihrem Einsatz für das Gemeinwohl Erfahrungen gemacht, die sie vorher nicht kannten.
Es bleibt zu hoffen, dass wir das Verständnis für das Schutzbedürftige, Schwächere, Anfälligere beibehalten und sogar erweitern werden. Dass wir unsere Erde und all unsere Mitbewohner (Menschen aus allen Völkern, Pflanzen, Tiere) im Blick behalten und weiterhin das Verletzlichere schützen und pflegen.
Die Bibel beschreibt den von Gott gegebenen guten Lebensraum als einen Ort, «wo Milch und Honig fliessen». Es macht traurig, dass dort, wo das (Land-) Wirtschaften um jeden Preis betrieben wird, zwar Milch fliesst, aber kein Honig mehr, weil die Bienen dort ausgestorben sind. Der Erhalt der Artenvielfalt ist kein Luxus, sondern Notwendigkeit.
In der Predigt vom letzten Sonntag haben wir uns u.a. von den Worten von Jesus ermutigen lassen: «Macht euch keine Sorgen um den nächsten Tag!» Jesus hat an anderer Stelle diese Ermutigung ergänzt: «Nehmt euch in Acht! Hütet euch vor aller Habgier! Denn das Leben eines Menschen hängt nicht von seinem Wohlstand ab.»
Um seine Worte für die konkrete Lebensgestaltung zu verstärken, erzählte er Geschichten. In einer dieser Geschichten wird ein nur auf das eigene Wohl und die eigene Sicherheit bezogener Mensch mit vielen Gütern von Gott gefragt: «Wem wird all das gehören, was du dir angehäuft hast, wenn in dieser Nacht dein Leben zu Ende geht?»
Jesus hat seine Lehrlinge nicht nur durch seine Worte, sondern immer wieder auch durch seine uneigennützige Lebensführung verblüfft und herausgefordert. Im Rückblick auf das Leben Jesu fordert uns der Apostel Paulus auf, als seine Lehrlinge die Haltung von Jesus zu imitieren und uns nicht nur um das eigene Wohl kümmern, sondern auch auf das Wohl der Anderen. Eine Haltung, die mit «viel» im Leben, aber auch mit «wenig» auskommen konnte. Die den eigenen Reichtum und die eigene Macht und Begabung nicht als unantastbaren Besitz und als Privileg ansah, sondern als «Einsatz» und Gabe, um andere zu bereichern.
Als Lehrlinge von Jesus, dem Meister des Lebens, haben wir den Auftrag erhalten, andere Menschen zu ermutigen, ebenfalls seine Schüler/innen zu werden. Das bedeutet für uns, dass wir uns seine Weltanschauung und die Art, das Leben zu gestalten, zu eigen machen.
Jesus hat seine Lehrlinge hingewiesen, dass sie damit manchmal auf Kollisionskurs geraten mit den vorherrschenden Anschauungen und Lebensvorstellungen ihrer Zeit. Es besteht der Verdacht, dass dies für uns bei einer gegenwärtigen Standortbestimmung weitgehend der Fall ist.

Möge uns Gott Weisheit, Einsicht, Mut und ein offenes Ohr füreinander schenken und bewahren!

Amen

B’hüet nech Gott & bllibet zwäg! Mit liebe Grüess, Pfr. U. Bukies
Kerstin Möri,
Bereitgestellt: 10.05.2020     Besuche: 41 Monat
 
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