Krisengedanken 3 "Kopf hoch in der Krise!"

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«Kopf hoch in der Krise!»-Worte zum 26. April 2020
Licht im Todesschatten

Liebe Kirchgemeindemitglieder

Letzte Woche habe ich die Ausführungen von Theologieprofessor Matthias Zeindler zum Thema „Was hat Gott mit dem Corona-Virus zu tun?“ zusammengefasst und Ihnen versprochen, mich diesmal weiter damit auseinanderzusetzen.
Nun ist ja bereits der Versuch, die Gedanken einer anderen Person zusammenzufassen, eine Art Auseinandersetzung. Letzte Woche habe ich vor Allem die Überlegungen von Matthias Zeindler zur Frage wiedergegeben, ob ein bedrohliches, tödliches Virus einen Platz in der „guten“ Schöpfung Gottes haben könne. Kernige Antworten darauf waren die Aussagen, dass Gott die Schöpfung dem Chaos abgerungen habe und sie vom Zerstörerischen bedroht bleibe. Das jetzige Gutsein der Schöpfung sei verbesserungsbedürftig.
Vielleicht sollte ich diesmal dazu noch etwas ergänzen. Matthias Zeindler sagt: „Gottes Befreiung des Lebendigen vom Chaos ist nicht ein für alle Mal abgeschlossen, Gott vollbringt sie jeden Tag neu.
Für die Ohren eines modernen Menschen, der die Natur als regiert von Gesetzen kennt, mag dies nicht ohne weiteres einleuchten. Angesichts des Chaos, das das Corona-Virus verursacht, erschliesst sich ein solcher Glaubenssatz allerdings in ganz neuer Weise. Wir erleben in voller Härte, wie eine zerstörende Kraft in die lebensfreundliche Schöpfung hineinfährt.“
Zeindler stellt einen Vergleich von Mensch und Natur in der Schöpfung an und sagt: „Gott hat den Menschen nicht als Marionette geschaffen, sondern als freies, partnerschaftliches Wesen. Und analog dazu hat er die Natur nicht als durchreguliertes Uhrwerk gestaltet, sondern als hoch-komplexes, gleichermassen von Gesetzen wie von Zufälligkeiten geprägtes ökologisches Gebilde. Ein Gebilde, dem er die Freiheit zur Selbstorganisation eingeschaffen hat.“
So wie wir Menschen habe also auch die Natur „die Möglichkeiten zu destruktiven Irrwegen. Als solche Irrwege können Naturkatastrophen gelten, durch die grosse Teile des Geschaffenen zerstört werden.“

Angesichts des Corona-Virus heisst das für Zeindler: „Wir dürfen nicht sagen, dass die Epidemie in irgendeiner Weise Gottes guter Wille sei. Es wäre auch gefährlich zu behaupten, Gott werde uns vor dem Schlimmsten bewahren. Wir dürfen und sollen aber sagen, dass Gott seine Geschöpfe auch in dieser Krise nicht allein lässt, sondern sie ausrüstet mit der Kraft, der Kreativität und der Besonnenheit seines Heiligen Geistes.“

Können wir nun Gottes Wirken auch in der Corona-Krise besser verstehen und erleben? Matthias Zeindler meint dazu:
„Nicht, indem wir danach fragen, ob und warum Gott für diese schreckliche Krankheit mitsamt ihren schrecklichen Folgen verantwortlich sei. Sondern in dem wir darauf achten, welche Orientierung und welche Kraft in dem steckt, was uns von Gott gesagt ist. Dann entdecken wir vielleicht, dass Gott tatsächlich vielerorts am Werk ist in dieser Krise: Dort, wo Menschen die Mitmenschlichkeit wiederentdecken, wo sie füreinander einstehen, wo sie sich gegenseitig Trost und Hoffnung zusprechen. Und wo sie sich in alledem von ihm tragen und leiten lassen“.
Matthias Zeindler fragt sich auch, ob wir Menschen uns durch die Krise (von Gott) ansprechen und hinterfragen lassen:
„Hinterlässt die Corona-Katastrophe eine Menschheit, die sich gezwungen sieht, über ihre Werte, ihr Zusammenleben, ihre Zukunft gemeinsam und ernsthaft nachzudenken? Oder überwiegt stattdessen das Bedürfnis nach einer möglichst schnellen Wiederherstellung von Normalität, vielleicht sogar der Drang, Verpasstes zu kompensieren?“

Lassen wir uns in der gegenwärtigen Krise hinterfragen? Der Autor Zachary Karabell hat kürzlich die Meinung vertreten, dass wir als westliche Gesellschaft ein gespanntes Verhältnis zum Tod entwickelt haben. Weil wir eine beinahe lähmende Angst vor den Tod haben, versuchen wir, ihn auszugrenzen und ihn so unsichtbar wie möglich zu machen. Wir haben enorme und kostspielige Anstrengungen unternommen, seinen Zeitpunkt hinauszuzögern.
Das war nicht immer so. Frühere Generationen hatten ein wesentlich vertrauteres Verhältnis zum Tod. Nachdem vor gut 100 Jahren der Erste Weltkrieg das Leben von etwa 17 Millionen Menschen gefordert hatte, verursachte im Anschluss daran die Spanische Grippe den Tod von 20 bis 40 Millionen Menschen. Bei einer Gesamtzahl von 1,8 Milliarden Menschen starben durch beide Ereignisse ungefähr 2,5 bis 3 Prozent der Weltbevölkerung.

Unsere Gesellschaft hat nur noch eine sehr geringe „Todesverträglichkeit“. Dies macht uns nicht gerade widerstandsfähig im Angesicht von tödlichen Bedrohungen. Zachary Karabell vermutet, dass sich hinter all unseren Reaktionen angesichts der Corona-Seuche eine verborgene „Krankheit“ versteckt, die grösser ist als die Seuche selbst. Er fragt sich und uns, ob es als gesund und lebensfördernd bezeichnet werden kann, dass wir den Tod als Tragödie betrachten, der unser Leben abschliesst (und wir alle damit tragisch enden!).

Für ihn sind wir zum gegenwertigen Zeitpunkt einerseits herausgefordert, mit den Folgen einer sich rasch ausbreitenden Seuche fertig zu werden. Andererseits werden wir aber auch in die Lage versetzt, uns (endlich einmal und auf breiter Ebene) bewusst der Tatsache zu stellen, dass wir als Menschen immer noch unausweichlich sterblich sind.
Das bedeutet für uns als Einzelpersonen, dass wir eine Antwort auf die Frage finden müssen: Wie hoch kann bzw. darf das Todesrisiko sein bei meiner persönlichen Lebensgestaltung? Für unser Miteinander kommt noch die Frage hinzu: Wie hoch darf das Todesrisiko sein, das jeder Mensch mit seiner individuellen Lebensführung für seine Mitmenschen und die Gesellschaft darstellt?
Karabell lässt den (inzwischen 83-jährigen) Politikwissenschaftler Joseph Nye diesbezüglich zu Wort kommen: „Ein Nullrisiko existiert nur in Hochsicherheitsgefängnissen oder im Grab. An beiden dieser Orte möchte aber niemand von uns freiwillig sein.“

Wir bekommen unser Leben nur im Doppelpack mit dem Tod. Ihn aus dem Leben ausklammern zu wollen, ist unrealistisch. Zeigt uns die Corona-Krise vielleicht, dass unser „lebensfremdes“ Verhältnis zum Tod auf einem Höhepunkt angelangt ist?
Wir sind weit entfernt von der Haltung, wo wir morgens nach dem Auf-wachen feststellen: „Heute wäre ein guter Tag zum Sterben“. Wo wir also mit Leben gesättigt anstatt lebensmüde der Möglichkeit des Todes ins Auge sehen und sie nicht todesängstlich verdrängen.

Ein entsprechendes „Kopf hoch!“-Wort, das uns dabei hilft, den Kopf weder in den Sand zu stecken noch in die Wolken zu hängen, wäre zum Abschluss vielleicht das weihnächtliche Versprechen:
„Unser Gott ist voll Erbarmen. Er schickt uns den hellen Morgenglanz, um denen Licht zu bringen, die in der Finsternis und im Schatten des Todes leben, und um unsere Schritte auf den Weg des Friedens zu lenken.“ (Lukas Evangelium Kap.1,78-79)
Liebe Kirchgemeindemitglieder
Bhüet nech Gott und liebi Grüess, Pfr. Ueli Bukies
Kerstin Möri,
Bereitgestellt: 26.04.2020     Besuche: 5 heute, 194 Monat
 
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