Trinitatisfestkreis


Liebe Leserinnen und Leser
Unser Kirchenjahr gliedert sich in drei grosse Festkreise:

Weihnachtsfestkreis
(1. Advent bis letzter Sonntag nach Epiphanias = Erscheinung des Herrn am 6. Januar)

Osterfestkreis
(Vorpassion bis Pfingsten)

Trinitatisfestkreis
(Trinitatis = das Fest des dreieinigen Gottes bis Ewigkeitssonntag)

Mit dem ersten Sonntag nach Pfingsten (der Sonntag heisst Trinitatis) beginnt der Trinitatisfestkreis. Während sich der Oster- sowie der Weihnachtsfestkreis stark am Leben und Wirken Jesu orientieren, steht im Trinitatisfestkreis die Dreieinigkeit Gottes im Zentrum
(Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist), gefolgt von der Schöpfungszeit, Bettag, Erntedank, Reformationssonntag sowie dem Ewigkeitssonntag. Gerne würde ich hier ausführlich über die Trinität berichten. Stattdessen überlasse ich Sie den wunderbaren Worten von Kurt Marti aus seinem Gedicht «Gottes Sein blüht gesellig». Mit diesem Gedicht ist vieles bereits gesagt und wunderbar zusammengefasst, was es über die Trinität zu sagen gibt:

1 Wenn Gott zum Götzen verzerrt wird, muss man sich diesem verweigern.
Wo Gott zum Tyrannen gemacht wird, müssen wir diesen stürzen. So fordert's Seine Dreieinigkeit.

2 Dreieinigkeit? Ein Männerbund! empören sich Frauen. Zu Recht.
Zu Recht. Und dennoch: entwarf diese Denkfigur die unausdenkbare Gottheit nicht
als Gemeinschaft, vibrierend, lebendig, beziehungsreich? Kein einsamer Autokrat jedenfalls,
schon gar nicht Götze oder Tyrann! Eine Art Liebeskommune vielmehr, einer für den andern, «dreifach spielende Minneflut» (MECHTHILD VON MAGDEBURG).

3 Mich stellt's jedenfalls auf, Gott als Beziehungsvielfalt zu denken, als Mitbestimmung, Geselligkeit, die teilt, mitteilt, mit anderen teilt: «Die ganze Gottheit spielt
ihr ewig Liebesspiel» (QUIRINUS KUHLMANN). Und insofern: niemals statisch, nicht hierarchisch, actus purus, lustvoll waltende Freiheit, Urzeugung der Demokratie.

4 Alsbald ins Leere laufen da Fragen wie: personal oder apersonal? transzendent oder immanent? ruhendes Sein oder ewiges Tun? Seit urher beides und mehr noch als beides,
ein Drittes also und mehr als ein Drittes: das Ganze, die Fülle (auch von Weiblichkeit,
Männlichkeit),die unausschöpflich - End ohne Ende - in Beziehungen blüht.

5 Will ich die gesellige Gottheit begreifen,von Ihr Besitz ergreifen,
lang' ich ins Leere. Und auch Sie - von Mechthild «Frau Minne» genannt – will nicht Besitz
ergreifen von mir. Eher berührt Sie, wie Freunde, wie Liebende einander berühren,
berührt, damit überspringe der Funke, das Leben, berührt, damit die Besessenheit vom Besitz,
der Wille zur Macht verglühe im Angesicht jenes Tages, «da alle Herrschaft, jede Gewalt oder Macht vernichtet und Gott alles sein wird in allem» (1. KORINTHER 15,24).

6 Dreieinigkeit? Weil sexistisch und überhaupt: Entwurf ohne Endgültigkeit.
Gott ist Liebe, will er sagen, Gottes Sein blüht gesellig, «Seine Liebe wandelt in immer frischem
Trieb durch die Welt» (FRANZ ROSENZWEIG).

Aus: Kurt Marti, Die gesellige Gottheit. Ein Diskurs. Im RADIUS-Verlag, Stuttgart 1993.

Mit geselligem Gruss auch im Namen der Mitarbeitenden der Kirchgemeinde Seedorf und
des Kirchgemeinderates Pfarrer Michael Siegrist

Bereitgestellt: 26.05.2021     Besuche: 108 Monat
 
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