Monatsbrief April


Vertrauen

«Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint.
Ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht fühle.
Ich glaube an Gott, auch wenn er schweigt.»(1)


Dieses kurze Gedicht, man könnte es ein Glaubensbekenntnis nennen, stand an
einer Wand eines Kellers in Köln am Rhein, wo sich einige Juden während des
zweiten Weltkrieges versteckt gehalten haben. Aus diesen Zeilen scheint ein tiefes
Vertrauen durch das Dunkel der Nacht. Das Vertrauen ist trotz Abwesenheit des
Objekts auf das Vertraut wird, begründet. Denn es scheint klar zu sein, dass die
Sonne sowie die Liebe da sind, auch, wenn wir sie im Moment nicht sehen, nicht
wahrnehmen können. Mit Gott, so bringt es der Text zum Ausdruck, ist es ebenso.
Gott ist da, auch wenn er schweigt.

Vertrauen ist eine Grundbedeutung des Wortes Glauben. Wer glaubt, weiss nichts
mit endgültiger Sicherheit, aber er vertraut. Unser menschliches Ur-vertrauen, so
schreiben es der Psychoanalytiker und Entwicklungspsychologe Erik H. Erikson,
entsteht durch die Mutter-Kind-Beziehung. Das Baby lernt mit den Jahren, dass die
Mutter, auch wenn es sie nicht mehr sieht, da ist. Es lernt darauf zu vertrauen, dass
die Mutter wiederkommt. Mit jedem kleinen Wiedersehen nach einer Trennung, und
sei es nur dadurch, dass es die Anwesenheit der Mutter im Spiel vergisst, vertieft
sich das Vertrauen des Kindes in diese grundlegende Beziehung. Sein Urvertrauen
wächst. Die Grundlage für alle weiteren Beziehungen, die das Kind in seinem Leben
eingehen wird, ist gelegt.(2) Vertrauen ist eine Grundvoraussetzung, damit menschliches Zusammenleben gelingt und fruchtbar wird.

In jeder Beziehung, die wir eingehen, ist Vertrauen eine Grundvoraussetzung.
Wo Vertrauen fehlt, wo Vertrauen verspielt wird, da gehen Beziehungen in die Brüche.
Nicht nur in Familien, sondern auch in der Wirtschaft, beim Arzt oder schlicht im Einkaufsladen
ist gegenseitiges Vertrauen eine grundlegende Voraussetzung. Daher gehört es zu unseren Aufgaben als Mitglieder dieser Gesellschaft das gegenseitige Vertrauen, wo immer möglich
zu stärken. Dietrich Bonhoeffer hat die Wichtigkeit des Vertrauens an der Wende zum
Jahr 1943, geschrieben:

«Die Erfahrung des Verrates ist kaum einem erspart geblieben. Die Gestalt des
Judas, die uns früher so unbegreiflich war, ist uns kaum mehr fremd. So ist die Luft,
in der wir leben, durch Misstrauen verpestet, dass wir fast daran zugrunde gehen.
Wo wir aber die Schicht des Misstrauens durchbrachen, dort haben wir die Erfahrung
eines bisher gar nicht geahnten Vertrauens machen dürfen. […] Wir wissen nun,
dass nur in solchem Vertrauen, das immer ein Wagnis bleibt, aber ein freudig
bejahtes Wagnis, wirklich gelebt und gearbeitet werden kann. Wir wissen, dass es zu
dem Verwerflichsten gehört, Misstrauen zu säen und zu begünstigen, dass viel mehr
Vertrauen, wo es nur möglich ist, gestärkt und gefördert werden soll. Immer wird uns
das Vertrauen eines der grössten, seltensten und beglückendsten Geschenke
menschlichen Zusammenlebens bleiben, und es wird doch immer nur auf dem
dunklen Hintergrund eines notwendigen Misstrauens entstehen. Wir haben gelernt,
uns den Gemeinen durch nichts, den Vertrauenswürdigen aber restlos in die Hände
zu geben.»(3)


Im Angesicht der Zerstörung, des Todes, der Lüge und Gewalt sein Vertrauen zu
bewahren scheint unmöglich zu sein. Umso ermutigender sind Zeugnisse von
Menschen, die Angesichts auswegloser Situationen nicht aufhören wollen zu
glauben. Und ja, vielleicht hat Karl Bart recht, wenn er schreibt: Wir glauben «allem,
was dagegen spricht, zum Trotz»(4).

Ich wünsche Ihnen alles Gute und Gottes reichen Segen.

Im Namen der Mitarbeitenden der Kirchgemeinde Seedorf und des Kirchgemeinderates
grüsse ich Sie herzlich Pfarrer Michael Siegrist

(1) Zvi Kolitz: Jossel Rakovers Wendung zu Gott, Diogenes Verlag 2004, Seite 7.
(2) https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/vertrauen/16374 (Stand 13. November 2020).
(3) Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft.
Gütersloher Verlagshaus, 22. Auflage 2016, Seite 19.
(4) Karl Barth: Dogmatik im Grundriss, TVZ 10. Auflage 2011, Seite 22.
Bereitgestellt: 30.04.2021     Besuche: 6 heute, 276 Monat
 
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