Monatsbrief März



Beppo, der Strassenkehrer

Liebe Leserin, lieber Leser

«Geduld» und «Durchhaltevermögen». Können auch Sie diese Wörter
schon fast nicht mehr hören? Mir jedenfalls sind sie inzwischen verleidet;
vor allem im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie, die immer noch
nicht enden will. Mein Kopf versteht zwar, dass Vorsicht weiterhin nötig ist.
Aber mein Herz möchte wieder Freunde treffen, Ausflüge machen statt nur
Spaziergänge, ins Kino oder in ein Konzert gehen ... und vieles mehr. Je länger
die Krise dauert, desto mehr widerstrebt mir das Verzichten und Dranbleiben
beim Einhalten der Regeln.

Und wenn ich genauer darüber nachdenke, merke ich: Auch in anderen Zusammenhängen
geht es mir so. Bei Arbeiten im Haushalt zum Beispiel, die ich nicht gern tue, aber die sich stets wiederholen. Oder im Umgang mit bestimmten Menschen, mit denen es immer wieder die gleichen Reibereien gibt. Wenn ich eigene Kinder hätte, würde ich da sicher auch noch
das Thema Erziehung erwähnen. Leider gibt es Dinge, die sich einfach nicht so rasch erledigen lassen, wie wir uns das vorstellen. Dazu kommt mir eine Geschichte in den Sinn, die ich
Ihnen heute zu lesen geben möchte. Sie stammt aus dem Buch Momo von Michael Ende.

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Beppo, der Strassenkehrer, tat seine Arbeit gern und gründlich.
Er wusste, es war eine sehr notwendige Arbeit. Wenn er die Strassen kehrte, tat er es
langsam, aber stetig: bei jedem Schritt einen Atemzug und bei jedem Atemzug einen Besenstrich. Dazwischen blieb er manchmal ein Weilchen stehen und blickte nachdenklich vor sich hin.
Und dann ging es wieder weiter - Schritt - Atemzug - Besenstrich - - -.

Während er sich so dahinbewegte, vor sich die schmutzige Strasse und hinter
sich die saubere, kamen ihm oft grosse Gedanken. Aber es waren Gedanken
ohne Worte, Gedanken, die sich so schwer mitteilen liessen wie ein bestimmter Duft, an den man sich nur gerade eben noch erinnert, oder wie eine Farbe, von der man geträumt hat.

Nach der Arbeit, wenn er bei dem Mädchen Momo sass, erklärte er ihr seine grossen Gedanken. Und da sie auf ihre besondere Art zuhörte, löste sich seine Zunge, und er fand die richtigen Worte.
«Siehst du, Momo», sagte er dann zum Beispiel, «es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Strasse vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man.» - Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin, dann fuhr er fort: «Und dann fängt man an, sich zu eilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedesmal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst, und zum Schluss ist man ganz ausser Puste und kann nicht mehr. Und die Strasse liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen.»

Er dachte einige Zeit nach. Dann sprach er weiter: «Man darf nie an die
ganze Strasse auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten.» Wieder hielt er inne und überlegte, ehe er hinzufügte: «Dann macht es Freude, das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.»

Und abermals nach einer langen Pause fuhr er fort: «Auf einmal merkt
man, dass man Schritt für Schritt die ganze Strasse gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht ausser Puste.» Er nickte vor sich hin und sagte abschliessend: «Das ist wichtig.»

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Auch Jesus sagte etwas Ähnliches: «Macht euch keine Sorgen um den kommenden
Tag - der wird für sich selber sorgen. Es reicht, dass jeder Tag seine eigenen Schwierigkeiten hat.»
(Mat. 6,35; Übersetzung «BasisBibel»)

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen viel Geduld und Kraft zum Durchhalten, ... und natürlich möglichst bald auch eine spürbare Entlastung.

Herzlich grüsst Sie im Namen des Kirchgemeinderats und des Pfarrteams von Seedorf
Pfarrerin Verena Schlatter
Bereitgestellt: 30.03.2021     Besuche: 4 heute, 250 Monat
 
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