Monatsbrief

Alt oder Jung, was zählt?
Liebe Leserin, lieber Leser

Alt werden, möchten alle. Alt sein dagegen nicht. Zugegeben ich bin noch jung. In den
besten Jahren würde man vielleicht sagen. Aber stimmt das überhaupt? In unserer
Gesellschaft ist der Respekt vor dem Alter, vor der Weisheit eines langen Lebens verloren
gegangen. Was zählt, ist die Spritzigkeit, die Schönheit und der Wagemut der Jugend.
Was heute neu ist, ist morgen schon alt. Dabei geht bei dem zunehmenden
Lebenstempo Sören Kierkegaards Weisheit vergessen: Dass das Leben zwar vorwärts
gelebt werden muss, aber nur rückwärts verstanden werden kann. Wir nehmen
uns heute die Zeit nicht mehr anzuhalten, Dinge zu reflektieren. Es muss immer etwas
Neues her, etwas, dass Aufmerksamkeit generiert. Grelle Lichter, laute Klänge.
Dabei liegt doch gerade in der Ruhe die Kraft. Und manchmal sind Dinge, die sich bewährt
haben, gar nicht so schlecht. Auch wenn sie vielleicht aus der Mode gekommen sind.
Dafür funktionieren sie. In der nachfolgenden Geschichte geht es nicht darum, die verschiedenen
Alter gegeneinander auszuspielen. Es geht vielmehr darum, den Wert, die Würde des Alters,
der Erfahrung und Reife zu würdigen und etwas zu schmunzeln. Viel Vergnügen beim Lesen.

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Kaum hatte Roswitha den Laden betreten, spürte sie auch schon, dass sie fehl am
Platze war: grell bemalte Wände, dröhnende Musik aus riesigen Boxen und zwei Verkäufer,
die selbst zusammengenommen noch viele Jahre jünger waren als sie. Trotzdem blieb sie.
„Ja?“, fragte einer der beiden Verkäufer.
„Jeans für Damen?“, fragte Roswitha zurück.
„Jüngere oder ältere Dame?“
Roswitha zögerte.
„Ich meine jünger als 35 oder älter?“
„Eher älter“, meinte Roswitha und blickte unwillkürlich zu Boden.
„Bedaure, aber Jeans für diese Altersgruppe haben wir nicht mehr im Sortiment.“
„Sie meinen …“
„Wir haben vor einem Jahr eine Umfrage gemacht mit dem Ergebnis, dass wir 90%
unserer Umsätze mit Kunden unter 35 Jahren machen. Daraus haben wir die Konsequenzen gezogen.“
„Ja, aber …“
„Glauben sie mir“, sagte der junge Mann „Jeansträger sind nun mal eher junge, knackige
Typen. Das dürfen Sie bitte nicht persönlich nehmen. Aber Umsätze entscheiden
halt heutzutage, und ausserdem bieten die grossen Kaufhäuser eine reiche Auswahl
auch für Ältere, ich meine, Gesetztere, Sie verstehen schon: reifere Jahrgänge.“
„Ich verstehe“, erwiderte Roswitha und verabschiedete sich.

Am folgenden Morgen wurde sie an ihrem Arbeitsplatz stürmisch begrüsst.
„Zwei Notfälle heute Nacht, Frau Doktor, beide Male Blinddarm. Sie müssen sofort operieren.“

Roswitha eilte auf die Intensivstation und begrüsste den älteren Patienten mit einem
freundlichen Kopfnicken. Dann trat sie an das Bett des jüngeren Mannes und sah ihn
sprachlos an. Plötzlich runzelte sie die Stirn. „Es gibt ein Problem!“, sagte sie mit besorgte
Stimme. „Der Herr dort drüben ist 72 Jahre alt. Seine Krankenkasse hat in den
vergangenen 10 Jahren Rechnungen unseres Hauses in fast sechsstelliger Höhe beglichen.
Sie dagegen sind ja wohl zum ersten Mal bei uns. Tja, eigentlich müsste ich
sie jetzt beide dringend operieren, aber bitte haben sie Verständnis dafür, dass ich
angesichts dieser Umsatzlage eine klare Priorität setzen muss.“
Mit dem Kopf deutete sie in die Richtung des älteren Patienten.

Der junge Mann riss die Augen auf und sah sie entgeistert an. Wegen der dunklen
Hornbrille, die Roswitha am Vortag nicht getragen hatte, erkannte er erst jetzt,
wen er vor sich hatte. „Bitte Frau Doktor, sie können doch nicht …“
„Keine Angst“, sagte das Roswitha. „Sie werden natürlich auch sofort operiert, aber
nicht von mir. Im Operationssaal wartet bereits meine junge Kollegin auf sie.
Sie kommt frisch von der Uni und wagt sich heute zum ersten Mal an eine akute
Blinddarmentzündung.“ Dem jungen Mann stockte der Atem.

„Die Kollegin wird ihnen bestimmt gefallen,“ fuhr Roswitha fort. „Sie ist nämlich, wie sagten sie gestern, so schön jung und knackig.“
„Bitte nicht!“ stammelte der junge Mann. „Sie haben doch viel mehr Erfahrung.
Sie sind doch …
„Älter, gesetzter und reifer, wollten sie sagen?“
„Genau.“

Roswitha schmunzelte und ging zur Tür. Erst jetzt sah der junge Mann was sie unter
ihrem weissen Arztkittel trug: Jeans natürlich.1

Im Namen des Kirchgemeinderates und des Pfarrteams grüsse ich Sie herzlich
Pfarrer Michael Siegrist


1 Aus: Willi Hoffsümmer (Hg.): Dankbarkeit erhebt die Seele. Schwabenverlag 2013. Seite 37-39.
Bereitgestellt: 01.11.2020     Besuche: 5 heute, 141 Monat
 
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