Monatsbrief

Unter dem Staub
Liebe Leserin, lieber Leser

"Ohje, schon wieder staubig!" Der kurze Strich mit dem Zeigfinger macht klar:
Hier muss ich abstauben. So fahren wir wohl bald mit dem Abstaublappen
über Flächen, kleine Gegenstände oder Bilder.

Dabei werfen wir vielleicht wieder einmal einen Blick darauf und erinnern uns,
warum das Bild hier hängt. Vielleicht löst es auch innere Bilder aus. Diese
Bilder können zu einem grossen Reichtum werden.

Staub sehen wir bei den Bildern nicht gern – noch wollen wir für unser
Verhalten, Reden oder Schreiben als verstaubt bezeichnet werden.
Wenn uns jemand als Staub taxiert, tut das weh. Es ist kein Kompliment.
Wollen wir uns dann wehren? Oder denken wir an die nachfolgende
Sommergeschichte, welche uns Michael Becker erzählt? Sie wirft einen
wohltuenderen Blick auf Bilder und auf Menschen.

Jetzt ist es wieder passiert. Ein Bild, das viele Jahre lang vor sich hin staubte,
ist plötzlich kostbar geworden. Man meinte über Jahrhunderte, das Gemälde
"Porträt einer Dame" sei von einem Schüler des Meisters gemalt worden und
sei deswegen von nur geringem Wert. Jetzt aber hat man vorsichtig und
gründlich den ganzen Staub vom Bild entfernt und genau hingesehen. Und
siehe da, es ist vom Meister selber, nämlich von Peter Paul Rubens (1577 –
1640), geboren als Sohn flämischer Eltern in Siegen in Westfalen. Weil sie
calvinistische Protestanten waren, siedelte die Familie während eines
Religionsstreits aus Flandern nach Westfalen um. Rubens selber zog aber
später über Köln wieder nach Antwerpen zurück.

Ein Mann, der ungenannt bleiben will, hat das Rubens-Bild "Porträt einer
Dame" vor Jahren für ein paar Tausend Euro gekauft und lässt es – versehen
mit den neuesten Gutachten – Ende Juli in London versteigern.
Erwartet wird ein Erlös von um die drei Millionen Euro. Ein gutes Geschäft,
nur weil man mal gründlich abgestaubt hat.

Manchmal ist das ja so: Etwas staubt Jahre oder Jahrzehnte unerkannt vor
sich hin, behält aber unter dem Staub seinen wertvollen Glanz. Auch der
Mann, dem ich manchmal begegne. Sein Staub heisst Griesgram. So schaut
er auch: etwas missmutig, leblos und grau. Wenn ich mich kurz zu ihm setze,
denke ich: Jetzt musst du ihn wieder ein wenig abstauben.

Und siehe da: Wenn er von seinen Kindern und Enkeln erzählt, wenn er vom
letzten Angelausflug berichtet oder wie er den Garten bestellt, verschwindet
allmählich der Griesgram. Sein Gesicht wird ein bisschen heller. Er strahlt
nicht gleich wie ein Gemälde von Rubens, aber ein wenig leuchtet er schon.
Weil er von sich sprechen kann, weil sich jemand für das interessiert, was ihn
beschäftigt. Ich mag nicht immer die langen Geschichten, die dann manchmal
zu hören sind. Ich mag es aber, wenn Menschen anfangen, sich wieder
wertvoll zu fühlen. Es ist dann, als kämen sie etwas aus dem Schatten
hervor, der sonst um sie zu liegen scheint. Und es ist, als träten sie genau in
das Licht, das Gott sich für uns wünscht: wertvolle Menschen zu sein – wie
kostbare Bilder.

Der Prophet Jesaja (Kapitel 58, Verse 7 + 8) hat dafür wunderbare Worte
gefunden, wenn er schreibt: Entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut …
Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte.
Es ist das Licht einer solchen Morgenröte, das Gott sich für uns wünscht:
Geduldig miteinander zu sein. Heiter und hell. Michael Becker
Darum lasst uns immer wieder auf die Suche gehen nach dem, was Bilder
und Menschen so wertvoll macht. Lasst uns das Kostbare entdecken und mit
Freude und Achtung würdigen.

Im Namen des Kirchgemeinderats und des Pfarrteams von Seedorf und
mit herzlichen Sommergrüssen
Pfarrerin Ruth Ackermann Gysin
Bereitgestellt: 01.09.2020     Besuche: 7 heute, 268 Monat
 
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