Wochenpost

Zeit haben
Vielleicht kennen Sie das, liebe Leserin, lieber Leser, Sie haben es sich gerade am Tisch mit einer Tasse Tee oder Kaffee gemütlich gemacht. Sie freuen sich in Ruhe die Zeitung zu lesen und ab und zu einen Schluck des heissen Getränks zu geniessen. Ganz im Sinne der Selbstfürsorge (1).
Sie blättern die Zeitung durch und entscheiden sich für einen Artikel, der sie interessiert und beginnen gespannt zu lesen. … Was für eine Gelegenheit für Ihre Kinder, für Ihren Partner/Ihre Partnerin endlich mal in Ruhe mit Ihnen zu sprechen.

Wie reagieren Sie? Verärgert? Abweisend?
Oder gelingt es Ihnen sich von der Zeitung zu lösen und sich ganz auf Ihr Gegenüber einzulassen?
Bei aller Liebe und trotz der guten Organisation will es uns nicht immer gelingen alles unter einen Hut zu bringen. Und dann? Ja, dann reagiert man schon mal so, wie man eigentlich nicht reagieren möchte. Der Vater in der folgenden Kurzgeschichte kann davon ein Lied singen.
Was dabei herauskommt? Lesen Sie selbst (2):

1 Vgl. Wochenpost 13.
2 Martin Mulow, Zeit haben, in: Willi Hoffsümmer, Kurzgeschichten 1, Nr 25.



"Vati!"
Vati las die Zeitung.
Vati brummte: "Was ist denn, Junge?"
"Muss ich auch Zeitung lesen, wenn ich gross bin?"
"Natürlich!"
"Warum, Vati?"
Vati hörte nichts, denn Vati las schon wieder.
"Warum, Vati, möchte ich wissen!"
"Hm? Warum? Was warum??"
"Warum ich auch Zeitung lesen muss, wenn ich gross bin?"
"Mein Gott, als Erwachsener liest man eben Zeitung. Da muss man sich auf dem Laufenden halten!"
"Was ist ‘auf dem Laufenden’, Vati?"
"Du lieber Himmel, Junge, das ist so viel wie ... wie sich zu orientieren, verstehst Du?"
"Nein!"
"Dann sprechen wir ein anderes Mal darüber! Jetzt lass mich aber end-lich lesen!"
"Warum kannst Du nicht lesen, Vati, wenn ich mit Dir spreche?"
"Weil mich das stört, Junge! Reden stört immer. Man soll überhaupt so wenig wie möglich reden, merke Dir das!"
"Unser Lehrer redet aber sehr viel, Vati!"
"Also, jetzt langt's mir! Schliesslich ist er ja Lehrer. Lehrer dürfen reden. Aber Kinder haben still zu sein, verstanden!?"
"Aber - aber wenn ich in der Schule die ganze Stunde nicht den Mund auftue, schimpft der Lehrer!"
"Zum Donnerwetter, jetzt ist's aber genug! Ich will jetzt endlich lesen. Wenn Du mich weiter so mit Fragen verrückt machst, bin ich bald reif fürs Irrenhaus!"
"Musst du da auch Zeitung lesen, Vati?"
"Nein, nein, nein, Herrgott! Da gibt es keine Zeitungen!"
"Au fein, Vati", sagte der Sohn, "da komme ich Dich dann besuchen, und ich kann mit Dir sprechen, ohne dass es Dich stört!"


Zeit für andere zu haben und sich Zeit für sich selbst zu nehmen, ist nicht nur für Vati eine Herausforderung. Ich wünsche uns darum die Gelassenheit, sein zu lassen, was unwichtig ist, den Mut uns Zeit zu nehmen für das, was wichtig ist und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.(3) Wo dies nicht gelingt, wünsche ich uns immer wieder eine Prise Humor.

Im Namen des Kirchgemeinderates und des Pfarrteams grüsse ich Sie herzlich
Michael Siegrist, Pfarrer

3 In Anlehnung an das Gelassenheitsgebet im Gesangbuch unter der Nummer 844.
Bereitgestellt: 26.06.2020     Besuche: 18 Monat
 
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