Gottesdienst zu Hause, Sonntag, 24. Mai 2020

Steine<div class='url' style='display:none;'>/kg/grossaffoltern/</div><div class='dom' style='display:none;'>kirchenregion-aarberg.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>1163</div><div class='bid' style='display:none;'>15202</div><div class='usr' style='display:none;'>157</div>

Es sind unsichere Zeiten, die wir gerade erleben. Seitdem das Corona-Virus auch unser Leben sozusagen im ganzheitlichen Sinn in seinen Beschlag genommen hat ist doch das Bedürfnis in uns allen gross, des Öfteren mal „abzuschalten“. Obwohl ich auch zu den sogenannten Risikogruppen gehöre, habe ich mich immer wieder auf den Weg gemacht, bin zu einer Wanderung hinaus gegangen in die Natur…
Stephan Bieri,
Ein Stein erzählt…

Es sind unsichere Zeiten, die wir gerade erleben. Seitdem das Corona-Virus auch unser Leben sozusagen im ganzheitlichen Sinn in seinen Beschlag genommen hat und die Nachrichten im Minutentakt aktualisiert werden, ist doch das Bedürfnis in uns allen gross, immer wieder mal „abzuschalten“. Obwohl ich auch zu den sogenannten Risikogruppen gehöre, habe ich mich immer wieder auf den Weg gemacht, bin zu einer Wanderung hinaus gegangen in die Natur.

Eine dieser Wanderungen an einem natürlichen Flussufer entlang hatte etwas Beruhigendes und zugleich etwas Faszinierendes. Dort, wo der Fluss seinen eigenen Lauf suchen und finden kann, sammelt sich Laufe der Zeit allerhand Steinmaterial an. Weil der Wasserstand niedrig war, haben mich diese Steine regelrecht angelockt.

Die vielfältigen Formen der Steine können den Beschauer durch ihre einzigartige Schönheit fesseln. So auch mich. Jeder Stein besitzt ja eine andere Gestalt, hat ein anderes Gesicht, nicht einer ist wie der andere.

„Wer hat dir gerade diese und nicht jene Form gegeben?“, fragte ich in meinen Gedanken den Stein, der vor mir lag. „Kein Künstler“, antwortete er mir, „das Leben hat mir meine Form gegeben. Als plumper Steinbrocken löste mich der winterliche Frost vom Mutterfelsen. Und so rollte ich eines Tages den Hang hinunter. Das von der Frühlingssonne herausgelöste Schmelzwasser trug mich zum Fluss hinunter. Meine Lebensreise hatte bereits abenteuerlich angefangen. Ich sollte aber noch weit mehr erleben! Mal stürzte ich in dunkle Tiefen, was für Stunden der Angst und des Schreckens! Dann riss mich die strudelnde Gewalt eines Wirbels wieder an die Wasseroberfläche. Später wurde ich auf eine Sandbank verschlagen. Hier genoss ich das Licht und die wohltuende Wärme der Sonne. Doch schon bald wieder entführte mich die steigende Flut. Zum Teil war die Reise richtig schmerzhaft: Da gab es Zusammenstösse mit anderen Steinen, ich schlug an Brückenpfeiler und steil abfallende Ufer oder rieb mich am mitreis(s)enden Geschiebe. Und wieder das lindernde Ausruhen auf stillen Sandbänken. Ich bemerkte, wie ich zusehends Gestalt gewann. Die scharfen und eckigen Kanten, Spuren meiner von Granitblöcken gezeichneten Heimat, verschwanden, sie wurden immer mehr abgeschliffen. Meine Form wurde vollkommener. Nicht Künstler, sondern Begegnungen auf meiner Lebensreise haben mich zu dem geformt, was heute staunend dein Auge beschaut. Es waren harte Zusammenstösse und Schicksalsschläge, aber auch befreiendes Ausruhen und Geniessen…“

Dieser kleine Stein: ein Gleichnis für mein, für unser Leben. Denn: Gewinnen wir Menschen nicht genauso an Form auf unserem UnterWEGs-Sein durch das Leben, mit seinem ständigen Auf und Ab? Corona hat uns gezeigt, dass wir das Leben trotz vieler Errungenschaften nicht unter Kontrolle haben. Eine absolute Sicherheit gibt es nicht. Und trotzdem: Das Leben formt uns. Vor Corona und nach Corona. Bei vielen Menschen habe ich in dieser unsicheren Zeit eine Haltung erlebt, die sich als erhöhte Aufmerksamkeit, Wachheit und Mitmenschlichkeit zeigt. Auch die Zeit mit Corona hat Menschen geformt. Und wenn Sie das nächste Mal, liebe Menschen in Grossaffoltern, einen dieser Steine am Flussufer in die Hand nehmen, denken Sie vielleicht an Ihr bisheriges Leben mit Corona, wie diese Zeiten Sie geformt haben.

Ich lasse alle Menschen in der Kirchgemeinde Grossaffoltern herzlich grüssen mit einem „Blybet gsung!“.

Pfr. Stephan Bieri, Vorimholz/Grossaffoltern
Bereitgestellt: 23.05.2020     Besuche: 38 Monat
 
aktualisiert mit kirchenweb.ch