Wege und Wohnungen

Ferdinand Hodler, Die Strasse nach Evordes, 1890, <div class='url' style='display:none;'>/kg/grossaffoltern/</div><div class='dom' style='display:none;'>kirchenregion-aarberg.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>940</div><div class='bid' style='display:none;'>15136</div><div class='usr' style='display:none;'>191</div>


Wort zum Sonntag, 3. Mai 2020

Und wohin ich gehe, kennt ihr den Weg …
Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.
Niemand kommt zum Vater ausser durch mich.
Johannes 14, 4.6
Pfarrerin Brigitta Stoll
Immer noch gilt die Weisung, wenn irgend möglich zu Hause zu bleiben. Nur in wirklich dringlichen Fällen nach draussen zu gehen. Spazierengehen ist erlaubt, allein oder zu zweit. Und teilweise sind Wege oder Plätze gesperrt, wenn Menschenansammlungen drohen. Wege sind gesperrt, Grenzen sind zu. In diese Situation hinein treffen die Abschiedsreden Jesu aus dem Johannesevangelium zum heutigen dritten Sonntag nach Ostern, Jubilate. Völlig selbstverständlich ist da vom Weg die Rede, den Jesus gehen will nach Ostern. Zurück zum Vater, er, Jesus, der von sich selber sagt, Weg zu sein, Wahrheit und Leben ( Johannes 14, 6 ). Er stösst bei den Jüngerinnen, den Jüngern damit auf Unverständnis. Wohin will er gehen? Was ist der Weg?

Kann man dies allen Ernstes fragen, nach dem Weg, auf den ihn die Jünger begleitet haben. Dem Weg in der Spur des Schöpfergottes, der Leben geschaffen hat und Leben heil machen will: Der Herr öffnet den Blinden die Augen, er richtet die Gebeugten auf, sagt der Psalmist ( Psalm 146, 8 ). Und Jesus selbst heilt nach dem Johannesevangelium zwei Menschen, einen Gelähmten und einen Blinden. Beide sehr lange krank. Beide heilt er, sobald er sie trifft und von ihrer Notlage weiss. Es ist beide Male Sabbat. Damit macht sich Jesus Feinde unter den Menschen seines eigenen Volkes, die die Tora, das Gesetz strikte als oberste Instanz bejahen. Ja, er ist unüberbietbar deutlich und laut: Krankheit ist nicht schuldhaft, sagt er. Weder der Blinde noch seine Eltern haben gesündigt. Am Umgang mit Krankheit lässt sich ablesen, wie Gott wirkt ( Johannes 9, 3 ). Keine Diskussionen über Schuld, Verschwörung, Sünde. Krankheit ist Teil der Schöpfung, die gut angelegt war, und die Jesus in der Spur seines Vaters in den geschilderten Begegnungen heil werden lässt.

Das ist sein Weg, war es immer, seit er zu wirken angefangen hat. Und nun geht er zurück, zurück zu Gott. Einen Platz will er vorbereiten, an dem wir sein sollen, wenn die Zeit dazu gekommen ist. Es ist die Rede von vielen Wohnungen im Haus seines Vaters. Wir fallen also nicht ins Nichts, nach dem Tod. Wir bleiben nicht ortlos. Wir sind aufgehoben in dem, was immer neu anfängt: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen ( Johannes 1,1 und 4).
Der Satz von den vielen Wohnungen lässt mich vor meinem inneren Auge das Video aus Italien vor sehen, das in den letzten Wochen kursiert hat: ein Video, das erleuchtete Wohnungen zeigt in dunkler Nacht, auf deren Balkonen geklatscht und musiziert wird. Musik zum Dank für die Pflegenden, die Mitarbeitenden des Gesundheitswesens. Musik, die denen guttut, die sie spielen, und denen, für die sie bestimmt ist. * Ich bringe sie zusammen mit einer alten Vorstellung vom himmlischen Gottesdienst, dem Lob der Engel vor Gott in vielen Chören, von unterschiedlichen Orten her: Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen. ( Jesaja 6, 3 ). Diese Musik, dieses Lob, dieser Dank beziehen sich auf Konkretes, auf Erfahrenes. Die Hilfe, die Gott seinem Volk hat zukommen lassen: Errettung aus Sklaverei, aus Wüstennot und fast ungangbaren Wegen. Geduld, Durchhaltevermögen, Hilfe. Darauf richtet sich das Lob, der Dank. Auch wir können uns in den Spuren unserer Vorfahren im Glauben auf Ertragenes, auf Erfahrenes beziehen und auf Hilfe hoffen. Hilfe, die häufig anders aussieht, als wir uns das vorstellen. Aber Hilfe, die uns zukommt "geordnet in geheimnisvolle Ordnung / vorweggenommen in ein Haus aus Licht ( Marie Louise Kaschnitz )."

* Sage niemand, von Applaus und Musik habe niemand gelebt. Zum einen folgen aus freiwilligem Dank Taten, und damit auch Diskussionen über Lohnskalen und Gerechtigkeit. Zum anderen folgen Liturgie und Gottesdienst eigenen Gesetzen, die dem Dank in Tönen und Worten einen Eigenwert zubilligen. Denn ohne diesen Dank lebt ( auch ) niemand!

Gebet
Gott
Du hast deine Hilfe verheissen
Lange vor unserer Zeit
Lange bevor die Pandemie uns als Geiseln genommen hat
Hast Du Menschen aus Not befreit
Hast sie gerettet und getröstet
Du hast auch uns Gnade /// deine Nähe verheissen
Wir bitten dich um
Geduld in der Zeit des Wartens
Um die Kraft, Unsicherheit auszuhalten
Um den Mut zu loben und zu danken
Dir und uns zugute.
Amen.

Ich lade Sie ein, statt eines Liedes dem Sanctus ( Heilig ) aus der h Moll Messe von Johann Sebastian Bach zuzuhören. Es ist, wie wenn das Musikstück das Bild des Weges durchbuchstabieren würde, das Jesus auf sich anwendet. Im Hören kommen Sie der Weghaftigkeit dessen auf die Spur, das wir Gott nennen, im Gehen suchen und als heilig preisen. Eine Weghaftigkeit, die verschlungen und mühselig sein kann, aber deren Begehen sich lohnt.

» Sanctus, h Moll Messe J.S. Bach, Ph. Herreweghe


Bereitgestellt: 01.05.2020     Besuche: 167 Monat
 
aktualisiert mit kirchenweb.ch